{"id":17178,"date":"2026-02-27T08:48:11","date_gmt":"2026-02-27T08:48:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bergos.ch\/?p=17178"},"modified":"2026-02-27T08:48:14","modified_gmt":"2026-02-27T08:48:14","slug":"von-der-oberflaeche-zur-struktur-warum-material-wieder-ins-zentrum-rueckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bergos.ch\/de\/von-der-oberflaeche-zur-struktur-warum-material-wieder-ins-zentrum-rueckt\/","title":{"rendered":"Von der Oberfl\u00e4che zur Struktur: Warum Material wieder ins Zentrum r\u00fcckt"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"1600\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Otobong-Nkanga-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17210\" style=\"aspect-ratio:0.7500020330988493;width:745px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Otobong-Nkanga-1.jpg 1200w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Otobong-Nkanga-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Otobong-Nkanga-1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Otobong-Nkanga-1-1152x1536.jpg 1152w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im vergangenen Monat haben wir am Beispiel der Expansion der Art Basel nach Doha untersucht, wie geopolitische Konstellationen die Infrastruktur des Marktes pr\u00e4gen. Heute richten wir den Blick darauf, was Sammler tats\u00e4chlich erwerben \u2013 und warum diese Entwicklung auf mehr hindeutet als auf blosse zyklische Geschmacksverschiebungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die vergangenen Monate einen selektiveren Kunstmarkt hervorgebracht haben, ist kaum umstritten. Die Auktionsums\u00e4tze haben sich stabilisiert, statt weiter zu wachsen; Blue-Chip-Arbeiten erreichen ihre Sch\u00e4tzpreise, statt sie deutlich zu \u00fcbertreffen; und die Auktionsh\u00e4user platzieren zunehmend Werke im Rahmen privater Verk\u00e4ufe, bevor sie in den Abendauktionen einem unsicheren Ausgang ausgesetzt w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar wurde gegen Ende 2025 erneut Umsatzwachstum verzeichnet, doch beruhte dieses weniger auf einem allgemeinen Vertrauenszuwachs unter Sammlern als auf Impulsen aus dem Luxussegment, strategischen Garantien und privaten Transaktionen. Wieder st\u00e4rker in den Vordergrund ger\u00fcckt ist hingegen die Nachfrage nach Qualit\u00e4t zu reflektierten Preisniveaus \u2013 besonders im Mid-Market, wo Werke trotz anhaltender Unsicherheit kontinuierlich abgesetzt werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Moment ist das Ergebnis zweier ineinandergreifender Entwicklungen: einer globalen Instabilit\u00e4t, die \u00fcber Jahre etablierte Deutungsrahmen unterminiert, und einer durch Algorithmen erzeugten Bilds\u00e4ttigung, die visuelle Neuheit ins Unendliche vervielfacht. Gemeinsam haben sie das \u00e4sthetische Erleben nivelliert. Geschwindigkeit und Reproduzierbarkeit verdr\u00e4ngen zunehmend Tiefe, materielle Intelligenz und menschliche Intentionalit\u00e4t. Vor diesem Hintergrund r\u00fccken Textilien, Keramik und textile Praktiken \u2013 lange peripher im Blue-Chip-Kanon verortet \u2013 verst\u00e4rkt in den institutionellen wie marktwirtschaftlichen Fokus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grosse Ausstellungen markieren diese Verschiebung: die Retrospektive zu Anni Albers in der Tate Modern (2018\u201319), die Sheila-Hicks-Ausstellung im Centre Pompidou im selben Jahr, Cecilia Vicu\u00f1as Turbine-Hall-Kommission (2022\u201323), El Anatsuis monumentale Metallarbeiten (2023\u201324), \u201eUnravel\u201c im Barbican (2024) sowie \u201eWoven Histories\u201c, begonnen im LACMA (2023\u201324) und abgeschlossen im MoMA (2025), das Weberei nicht als Traditionspflege, sondern als eigenst\u00e4ndige Kategorie verstand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Innerhalb dieses Feldes steht Otobong Nkanga exemplarisch f\u00fcr die Verbindung von Herstellung und Bedeutung. Bei den Engadin Art Talks zeigte sie in einer Kapelle die Tapisserie <em>In a Place <\/em><em>Yet<\/em><em> <\/em><em>Unknown<\/em> (2017), deren in ein Metallreservoir getauchter Saum Pigmente in das Gewebe aufsteigen l\u00e4sst \u2013 ein Werk, in dem Material, Prozess und Zeit sichtbar ineinandergreifen. Nkangas Praxis verschr\u00e4nkt Produktion und Forschung; Rohstoffe erscheinen nicht als abstrakte Ressourcen, sondern als Tr\u00e4ger von Geschichte und Beziehung. Projekte wie <em>Cadence<\/em> im Museum of Modern Art (2024\u201325) sowie ihre grosse \u00dcberblicksausstellung, organisiert vom Mus\u00e9e d\u2019Art Moderne de Paris und 2026 im Mus\u00e9e cantonal des Beaux-Arts Lausanne zu sehen, f\u00fchren diese politischen und \u00f6kologischen Dimensionen konsequent fort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine verwandte Logik zeigt sich in Cauleen Smiths <em>The Volcano <\/em><em>Manifesto<\/em> in der Kestner Gesellschaft Hannover (bis M\u00e4rz 2026), wo textile Banner als zeitgen\u00f6ssische Heraldik fungieren \u2013 in Gemeinschaft eingeschriebene Aussagen, die Zeit, F\u00fcrsorge und Autorschaft materialisieren. Igshaan Adams setzt einen komplement\u00e4ren Akzent durch kollektive Produktionsprozesse. Faith Ringgolds Story Quilts verankern Narrativ, Erinnerung und Identit\u00e4t im Stoff \u2013 und antizipieren damit die sozial aufgeladene Materialit\u00e4t, die heute erneut ins Zentrum r\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Marktdaten best\u00e4tigen diese Tendenz. Laut einem Bericht von ArtTactic (2023) r\u00fccken textile Arbeiten zunehmend aus spezialisierten Verkaufssparten in die zentralen zeitgen\u00f6ssischen Abendauktionen von Sotheby\u2019s, Christie\u2019s und Phillips vor. Der Messekontext bleibt vorsichtiger: Die Hauptformate der Art Basel setzen weiterhin auf Malerei und Skulptur, w\u00e4hrend Plattformen wie die Kunstwoche in Mexiko-Stadt experimentierfreudiger agieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Venedig wird zeigen, wie ernst die Institutionen diese Neuorientierung nehmen. Die Biennale 2024 unter der Leitung von Adriano Pedrosa verlieh den Goldenen L\u00f6wen an das M\u0101ori-Kollektiv Mataaho f\u00fcr <em>Takapau<\/em>, eine monumentale gewebte Installation, die Fragen von Geburt und Abstammung aufruft. Koyo Kouohs Ausstellung <em>In Minor Keys<\/em>, die 2026 posthum im Rahmen der Biennale realisiert wird, r\u00fcckt textile und handwerkliche Praktiken nicht als dekoratives Beiwerk, sondern als tragende Struktur ins Zentrum. Auch zahlreiche nationale Pavillons unterstreichen diese Entwicklung: Dana Awartani (Saudi-Arabien), Nilbar G\u00fcre\u015f (T\u00fcrkei), Faiza Butt (Pakistan), Isabel Nolan (Irland) und Yto Barrada (Frankreich) stellen textile Verfahren ins konzeptuelle Zentrum ihrer Pr\u00e4sentationen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die entscheidende Frage lautet daher: Handelt es sich um eine kurzfristige Marktbewegung \u2013 oder um eine tats\u00e4chliche Neuorientierung? Bleibt das aktuelle Interesse an material- und arbeitsintensiven Arbeiten vor allem \u00e4sthetisch motiviert, wird es wieder abflauen. Ist es hingegen Ausdruck einer tieferen Verschiebung \u2013 als Reaktion auf digitale Gleichf\u00f6rmigkeit, politische Unsicherheit und die Neubewertung dessen, was der Kanon lange ausgeschlossen hat \u2013, dann steht es f\u00fcr eine dauerhafte Ver\u00e4nderung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Sinne ist die Hinwendung zum Material weniger ein Trend als eine Wiederaufnahme: die R\u00fcckkehr zu einer Logik, in der Struktur selbst Bedeutung tr\u00e4gt \u2013 im Raster, im Gewebe, in der Wiederholung. Struktur, in Materie eingeschrieben, besitzt Dauer. Sie widersteht \u2013 anders als die fl\u00fcchtige Oberfl\u00e4che algorithmischer Bilder.<br><br><em>Carolyn Stocker-Seiler<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im vergangenen Monat haben wir am Beispiel der Expansion der Art Basel nach Doha untersucht, wie geopolitische Konstellationen die Infrastruktur des Marktes pr\u00e4gen. Heute richten wir den Blick darauf, was Sammler tats\u00e4chlich erwerben \u2013 und warum diese Entwicklung auf mehr hindeutet als auf blosse zyklische Geschmacksverschiebungen. 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