{"id":17491,"date":"2026-04-30T08:04:59","date_gmt":"2026-04-30T08:04:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bergos.ch\/?p=17491"},"modified":"2026-04-30T08:05:03","modified_gmt":"2026-04-30T08:05:03","slug":"vom-panorama-zur-resonanz-notizen-zur-61-biennale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bergos.ch\/de\/vom-panorama-zur-resonanz-notizen-zur-61-biennale\/","title":{"rendered":"Vom Panorama zur Resonanz: Notizen zur 61. Biennale"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"993\" height=\"1052\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tiravanija.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17497\" style=\"aspect-ratio:0.7500020330988493;width:529px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tiravanija.jpg 993w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tiravanija-283x300.jpg 283w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tiravanija-967x1024.jpg 967w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tiravanija-768x814.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 993px) 100vw, 993px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die 61. Internationale Kunstausstellung <em>In Minor Keys <\/em>(\u201eMolltonarten\u201c) tritt nicht mit These oder Statement an; sie stimmt ein. Auf eine Frequenz, genauer: eine Haltung des H\u00f6rens. Eine, die Aufmerksamkeit nicht voraussetzt, sondern einfordert. Die Molltonart erscheint hier nicht als reduzierte Form, sondern als eigene Logik, eine andere Art, die Welt zu ordnen. Was westliche Ohren gern als Schwermut lesen, tr\u00e4gt andernorts Sch\u00f6nheit, Feierlichkeit, das ganze Spektrum der Empfindung. Was sie verweigert, ist der Bombast des Dur: das orchestrale Anschwellen, der Marsch, die grosse Geste. Stattdessen ein H\u00f6ren, das sich nicht im Ohr ersch\u00f6pft.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor zwei Jahren er\u00f6ffnete die Biennale ihr Thema mit Schubert und einer weit ausgreifenden Argumentation \u00fcber Diaspora, Exil und den globalen S\u00fcden. Adriano Pedrosas <em>Foreigners <\/em><em>Everywhere<\/em> sprach laut, dezidiert, im grossen Massstab. <em>In Minor Keys<\/em> setzt anders an \u2013 leiser, aber nicht weniger bestimmt. Vielleicht ist das keine Antwort, sondern eine Verschiebung: hin zu der Frage, wie sich dieses \u201e\u00dcberall\u201c anf\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kuratorische Konzept geht auf Koyo Kouoh zur\u00fcck, die schweizerisch-kamerunische Gr\u00fcnderin der RAW Material Company in Dakar und ehemalige Direktorin des Zeitz MOCAA in Kapstadt, die im Mai 2025 verstarb, bevor sie die Ausstellung realisieren konnte. Ihre Setzung ist anspruchsvoll: dass unter dem L\u00e4rm der Gegenwart etwas fortbesteht und dass Kunst die Aufgabe hat, sich darauf einzustimmen, statt das Dr\u00f6hnen zu verst\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist mehr als eine Verschiebung, es ist eine Neuorientierung. Wo Pedrosa Kunst in Argumente band, l\u00e4sst <em>In Minor Keys<\/em> sie bei sich selbst: sinnlich, affektiv, im Alltag verankert. <em>Wo Foreigners <\/em><em>Everywhere<\/em> einen Zustand der Welt benannte und zur Reaktion aufforderte, entwirft die Ausstellung eine Weise, in ihr zu sein. Nicht als Programm, eher als Praxis.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Kontext des Vorangegangenen markiert sich dieser Wechsel. Cecilia Alemanis <em>The Milk of Dreams<\/em> (2022) und Adriano Pedrosas <em>Foreigners Everywhere<\/em> (2024) waren Kanonrevisionen: die Wiederentdeckung \u00fcbersehener K\u00fcnstlerinnen, outsider voices, indigener Perspektiven und historisch Ausgeschlossener. Notwendig \u2013 und gegen Ende sp\u00fcrbar ersch\u00f6pft. <em>In Minor Keys<\/em> widerspricht dem nicht; es verschiebt die Frequenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die literarischen Bezugspunkte \u2013 James Baldwin, Toni Morrison, \u00c9douard Glissant \u2013 geben die Tonlage vor. Realisiert wird die Ausstellung von dem Team, das Kouoh vor ihrem Tod zusammengestellt hat. Wolff Architects strukturieren den Raum mit indigofarbenen Bannern; es zirkuliert das Prinzip des japanischen <em>komorebi<\/em> (\u6728\u6f0f\u308c\u65e5), jenes durch Bl\u00e4tter gefilterte Licht, das nicht direkt erscheint, sondern in Fragmenten, in Zwischenr\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Goldene L\u00f6we f\u00fcr das Lebenswerk in dieser Ausgabe nicht vergeben wird, weil Koyo Kouoh ihre Auswahl vor ihrem Tod nicht mehr festlegen konnte, ist mehr als eine organisatorische Entscheidung. Es bleibt eine Leerstelle. Und vielleicht ein letzter, leiser Ton.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Hauptausstellung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine der aufschlussreicheren Setzungen von <em>In Minor Keys<\/em> liegt in ihrer demografischen Struktur: \u00dcber neunzig Prozent der 111 eingeladenen Positionen sind lebende K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen. W\u00e4hrend die letzten Ausgaben stark r\u00fcckblickend arbeiteten, richtet sich der Blick hier seitw\u00e4rts in die Gegenwart, auf Praktiken, die sich noch nicht vollst\u00e4ndig in globale Zirkulationen \u00fcbersetzt haben, geschweige denn dort etabliert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem Mid-Career-K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen mit klarer lokaler Verankerung, deren Lesbarkeit nicht zuerst vom westlichen Markt hergestellt wird. Es entsteht ein Gef\u00fcge, eine Tonart in Moll.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Struktur folgt sieben thematischen Str\u00e4ngen, darunter <em>Procession<\/em><em>\u2013<\/em><em>Invocation<\/em>, <em>The Creole Garden<\/em> oder <em>The <\/em><em>Shrines<\/em>. Etablierte Namen wie Nick Cave, Alfredo Jaar, Laurie Anderson, Otobong Nkanga oder Kader Attia stehen neben Positionen, f\u00fcr die diese Biennale eine erste gr\u00f6ssere internationale Sichtbarkeit markiert. Die Mischung wirkt zun\u00e4chst eklektisch, entwirft jedoch ein Bild von Gegenwart, das nicht vom Zentrum her denkt, sondern von R\u00e4ndern, \u00dcberg\u00e4ngen und Verschiebungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Rundgang durch die Giardini<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Schweizer Pavillon geh\u00f6rt zu den wenigen Beitr\u00e4gen, bei denen die Form selbst zum Argument wird. Erstmals wurde die Bespielung \u00fcber einen offenen Aufruf aus 140 Projekten bestimmt. <em>The <\/em><em>Unfinished<\/em><em> Business <\/em><em>of<\/em><em> Living <\/em><em>Together<\/em><em> <\/em>von Nina Wakeford, Miriam Laura Leonardi, Lithic Alliance und Yul Tomatala nimmt eine Ausgabe von <em>Telearena<\/em> aus dem Jahr 1978 zum Ausgangspunkt, jenes Fernsehformat, in dem Homosexualit\u00e4t vor Live-Publikum noch als gesellschaftliches \u201eProblem\u201c verhandelt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Archiv erscheint hier nicht als gesicherter Speicher, sondern als unruhiges Material, in dem Normen, Zuschreibungen und Ausschl\u00fcsse fortleben. Entscheidend ist weniger die historische Reminiszenz als die Frage, was im R\u00fcckgriff auf dieses Material heute wieder h\u00f6rbar wird: wer spricht, wer adressiert wird, wer \u00fcberhaupt als sprechf\u00e4hig gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der deutsche Pavillon steht unter anderen Vorzeichen. Was als pr\u00e4zise gesetzte Doppelposition begann, ist durch den Tod von Henrike Naumann im Februar 2026 j\u00e4h verschoben worden. Zwei Wochen vor dem Abtransport der Arbeiten nach Venedig starb sie unerwartet; ihr Team realisiert die Ausstellung nun nach den von ihr hinterlassenen Anweisungen. Gemeinsam mit Sung Tieu sollte Naumann ein neues Kapitel f\u00fcr den Pavillon aufschlagen, weg von nationalen Zuschreibungen, hin zu einer genaueren Lesart biografischer und historischer Br\u00fcche. Beide Positionen verbindet ein Interesse an den weniger sichtbaren Strukturen von Geschichte: an Ideologien, die sich in Alltagsformen einschreiben, und an Gewalt, die nicht spektakul\u00e4r auftritt, sondern sedimentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Lubaina Himid im britischen Pavillon ist, das Wort muss fallen, \u00fcberf\u00e4llig. Als zentrale Figur der Black British Art Movement bringt sie mit <em>Predicting<\/em><em> <\/em><em>History<\/em><em>: <\/em><em>Testing<\/em><em> Translation <\/em>eine bildm\u00e4chtige, historisch dichte Praxis in das neoklassizistische Geb\u00e4ude der Giardini. Ihre Arbeiten sind geeignet, diese architektonische Erbschaft nicht nur zu besetzen, sondern zu verkomplizieren. Dass der British Council so lange gebraucht hat, um zu dieser Entscheidung zu gelangen, sagt ebenso viel \u00fcber die Institution wie \u00fcber die K\u00fcnstlerin.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vereinigten Staaten pr\u00e4sentieren Alma Allen, einen in Utah geborenen, in Mexiko lebenden Bildhauer. Seine Auswahl folgt auf administrative Blockaden und kulturpolitische Vorgaben. Allen ist eine ungew\u00f6hnliche Wahl f\u00fcr einen Pavillon, der zuletzt stark auf institutionell etablierte Namen setzte. Lesbar ist jedoch etwas anderes: Eine Administration, die kulturelle Dominanz behaupten will, pr\u00e4sentiert einen K\u00fcnstler, dessen langsame, haptische Praxis wie ein leiser Gegenentwurf zum Spektakel wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Florentina Holzinger entwickelt f\u00fcr \u00d6sterreich mit <em>Seaworld Venice <\/em>ein Setting zwischen Unterwasserwelt, Kl\u00e4ranlage und sakralem Raum. Der Pavillon wird nicht bespielt, sondern bearbeitet und selbst zum System: eines, das ausscheidet und wieder einf\u00fchrt, das Reinheit verspricht und zugleich als Fiktion entlarvt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird mit allen Wassern gewaschen, im w\u00f6rtlichen wie im \u00fcbertragenen Sinn. Dass daraus ein Spektakel wird, ist wahrscheinlich. Dass es sauber bleibt, eher nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Katar tritt mit einem Aufschub auf. Der geplante feste Pavillon bleibt vorerst Projekt, stattdessen entsteht ein Provisorium, prominent platziert, un\u00fcbersehbar. Im Zentrum steht Rirkrit Tiravanija, dessen Praxis hier zur Methode wird: Versammlung statt Objekt, Gastfreundschaft als Form. Mit Sophia Al-Maria, Tarek Atoui, Alia Farid und Fadi Kattan entsteht ein sozial orchestriertes Gef\u00fcge aus Film, Klang, Skulptur und K\u00fcche. Man trifft sich, isst, h\u00f6rt, bleibt. Ein Beitrag, der weniger ausstellt als organisiert und genau darin seinen Anspruch formuliert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weiter <\/strong><strong>zum<\/strong><strong> <\/strong><strong>Arsenale<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Arsenale zeigt sich am deutlichsten, wer Beteiligung nicht als Geste, sondern als Haltung versteht. Marokkos Deb\u00fct, <em>As\u01dd\u1e6d\u1e6da<\/em> von Amina Agueznay, ist eine raumgreifende Installation aus gewebten Strukturen und organischen Materialien, entwickelt in Zusammenarbeit mit Kunsthandwerkern aus verschiedenen Regionen. Es geht nicht um Referenz, sondern um Praxis, um Wissen, Technik und kollektive Arbeit. Im Pavillon f\u00fcr angewandte Kunst verschiebt Gala Porras-Kim den Fokus vom Objekt auf das System. Ihre Zusammenarbeit mit dem Victoria and Albert Museum hinterfragt museale Klassifikationen und Besitzlogiken. Nicht das Artefakt steht im Zentrum, sondern die Ordnung, die es sichtbar macht. Am deutlichsten jedoch bleibt eine Leerstelle. Der s\u00fcdafrikanische Pavillon ist offiziell pr\u00e4sent und bleibt leer. Die geplante Arbeit <em>Elegy<\/em> von Gabrielle Goliath wurde kurzfristig gestoppt, nachdem ein neuer Abschnitt Gewalt gegen Frauen in Gaza thematisierte. <em>Elegy<\/em> ist stattdessen in der Chiesa di Sant\u2019Antonin zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Satellite<\/strong><strong> <\/strong><strong>Exhibitions<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch abseits der Hauptschau lohnt ein genauerer Blick. Die Nebenschaupl\u00e4tze erg\u00e4nzen <em>In Minor Keys <\/em>pr\u00e4zise, vielleicht eine Spur n\u00e4her am Dur.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Fondazione Prada bringt Nancy Spector Arthur Jafa und Richard Prince zusammen. Jafa verdichtet gefundenes und eigenes Bildmaterial zu einer intensiven visuellen Sprache, die Schwarze Erfahrung zwischen Gewalt und Sch\u00f6nheit verhandelt. Prince dagegen verschiebt bestehende Bilder minimal und stellt damit Fragen nach Autorschaft und Zirkulation. Genau dort entsteht die Reibung. In der Punta della Dogana treffen Lorna Simpson und Paulo Nazareth aufeinander. Simpsons Arbeiten bleiben kontrolliert und fragmentarisch, w\u00e4hrend Nazareth Bewegung selbst zur Praxis macht. Zwei Ans\u00e4tze, die sich nicht ann\u00e4hern m\u00fcssen, um pr\u00e4zise zu sein. Im Museo Correr begegnet Julian Charri\u00e8re der Figur Antonio Canovas. <em>Spiral Economy<\/em> liest den Klassizismus gegen die Gegenwart. Marmor erscheint hier nicht nur als Form, sondern als Ressource. Im SMAC, einem neuen Kunstort am Markusplatz, wird Lee Ufan zum 90. Geburtstag gew\u00fcrdigt. Stein, Metall, Raum. Eine Praxis der Reduktion, die in diesem Umfeld eigensinnig wirkt. Der Vatikan-Pavillon setzt dem eine andere Form der Reduktion entgegen. Im abgeschirmten Klostergarten der Carmelitani Scalzi entsteht mit dem Soundwalk Collective ein akustischer Raum, der sich als Gebetsort versteht. Klang statt Bild, Dauer statt Ereignis. Unter dem Leitmotiv \u201eDas Ohr ist das Auge der Seele\u201c wird H\u00f6ren hier zur Haltung, als leise, insistierende Geste. Der Palazzo Grimani zeigt mit Amoako Boafo eine klare malerische Position. Seine mit den Fingern gesetzten Portr\u00e4ts Schwarzer Figuren sind direkt und k\u00f6rperlich pr\u00e4sent. Und Shirin Neshat f\u00fchrt im Palazzo Marin mit <em>Do U Dare!&nbsp; <\/em>ihre filmische Arbeit fort. Eine junge Iranerin in New York, zwischen Selbstentwurf und Entfremdung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind diese Setzungen, die das Satellitenprogramm tragen. Weniger Geste, mehr Fokus. Weniger Moll, mehr Melodie. <em>In Minor Keys <\/em>ist keine Biennale, die sich auf einen Ton festlegt. Sie entfaltet sich als Vielklang, als \u00dcberlagerung unterschiedlicher Stimmen, Tempi und Intensit\u00e4ten. Nicht alles f\u00fcgt sich, manches bleibt dissonant, anderes \u00fcberraschend klar. Es entsteht kein harmonisches Ganzes, sondern ein bewegliches Klangbild, das sich st\u00e4ndig neu ordnet. Vielleicht ist es genau das, was diese Biennale vorschl\u00e4gt: kein einheitlicher Ton, sondern ein Zustand zwischen Moll und Dur. Kein Chor, eher ein Ensemble. Ein Zuh\u00f6ren, das nicht nach Aufl\u00f6sung sucht, sondern die Vielstimmigkeit aush\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Carolyn Stocker-Seiler und Marie-Kathrin Krimphoff<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 61. 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