{"id":17569,"date":"2026-05-21T07:16:01","date_gmt":"2026-05-21T07:16:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bergos.ch\/?p=17569"},"modified":"2026-05-21T07:16:04","modified_gmt":"2026-05-21T07:16:04","slug":"o-tempora-o-mores","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bergos.ch\/de\/o-tempora-o-mores\/","title":{"rendered":"O tempora, o mores!"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1707\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Biennale-2-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17572\" style=\"aspect-ratio:0.7500020330988493;width:529px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Biennale-2-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Biennale-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Biennale-2-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Biennale-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Biennale-2-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Biennale-2-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die 61. Biennale von Venedig begann nicht mit Kunst, sondern mit Wetter. Mit Blitz und Donner \u00fcber den Giardini, sintflutartigem Regen, \u00fcberf\u00fcllten Vaporetti, geschlossenen Pavillons, umgeklappten Schirmen und durchn\u00e4ssten VIPs in zerknittertem Leinen. Dazwischen: bengalisches Feuer von Pussy Riot vor dem russischen Pavillon, pro-pal\u00e4stinensische Demonstrationen, blau-gelbe Rauchwolken f\u00fcr die Ukraine, Sicherheitskr\u00e4fte, Protestges\u00e4nge \u2014 und kurz darauf wieder gleissende Sommersonne \u00fcber der Lagune. Ein Spritz sp\u00e4ter sah die Welt schon wieder anders aus. Zwischen Anthropoz\u00e4n und Disneyland. Venedig at its best. Die Stadt wirkte in diesen Tagen weniger wie eine Ausstellung als wie ein \u00fcberhitztes Betriebssystem der Gegenwart: permanent absturzgef\u00e4hrdet, vollkommen \u00fcberladen und trotzdem erstaunlich funktionsf\u00e4hig. Und genau darin lag vielleicht die eigentliche Wahrheit dieser Biennale.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Koyo Kouohs\u00a0<em>In Minor Keys\u00a0<\/em>\u2014 die erste Biennale einer afrikanischen Kuratorin \u00fcberhaupt \u2014 stand bereits vor ihrer Er\u00f6ffnung unter einem Schatten. Kouoh verstarb im Mai 2025, kurz bevor die Ausstellung realisiert werden konnte. Zur\u00fcck blieb ein kuratorisches Konzept, das nicht auf Lautst\u00e4rke setzte, sondern auf Resonanz. Nicht auf den grossen politischen Slogan, sondern auf Frequenzen darunter: Rituale, Erinnerung, Materialit\u00e4t, Klang, Fragilit\u00e4t, K\u00f6rper, \u00dcberleben. Moll statt Dur. Kein Manifest, eher eine Tonlage. Nur fehlte pl\u00f6tzlich die Dirigentin. Und das Orchester spielte weiter. Man merkte es an vielen Stellen. Denn Venedig h\u00f6rte dieses Jahr keineswegs leise zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Giardini f\u00fchlten sich an wie ein geopolitischer Parcours zwischen Soft Power und Nervenzusammenbruch. Ein Botschaftsgeb\u00e4ude folgte auf das n\u00e4chste, dazwischen das internationale Kunstnomadentum: Kuratoren, Berater, Artists, Trustees, Sammler, Influencer, ersch\u00f6pfte Assistants und Menschen, die vor allem sehr besch\u00e4ftigt damit wirkten, besch\u00e4ftigt auszusehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00f6sterreichische Pavillon l\u00e4utete das Endzeitalter gleich selbst ein. Florentina Holzinger hing kopf\u00fcber in einer monumentalen Glocke und benutzte ihren eigenen K\u00f6rper als Kl\u00f6ppel, als w\u00fcrde das Anthropoz\u00e4n pers\u00f6nlich zur Messe rufen: <em>O <\/em><em>tempora<\/em><em>, o <\/em><em>mores<\/em><em>!&nbsp;<\/em><em>Seaworld<\/em><em> Venice&nbsp;<\/em>geriet zur wahrscheinlich spektakul\u00e4rsten<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kl\u00e4ranlage der Kunstgeschichte: irgendwo zwischen Wasserpark, Wiener Aktionismus und Hieronymus Bosch. Der Pavillon schwankte zwischen feministischer Katharsis-Maschine, \u00f6kologischer Endzeitoper und Freizeitpark der \u00dcberforderung. <em>Apocalypse<\/em><em> <\/em><em>Now<\/em><em> <\/em>als immersive Experience. Vor allem aber begriff Holzinger etwas sehr Gegenw\u00e4rtiges: dass selbst der Untergang heute als Spektakel konsumiert wird. Das Anthropoz\u00e4n hat l\u00e4ngst seine eigene Unterhaltungsindustrie hervorgebracht. Nichts blieb sauber, weder moralisch noch infrastrukturell.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutschland hingegen operierte leiser; mit jener spezifisch deutschen Mischung aus Pr\u00e4zision, Ernsthaftigkeit und latentem Verwaltungstrauma. Endlich kuratiert von einer ostdeutschen Kuratorin, endlich mit ostdeutschen K\u00fcnstlerinnen. Was als Doppelposition von Henrike Naumann und Sung Tieu begann, wurde durch Naumanns pl\u00f6tzlichen Tod wenige Wochen vor der Er\u00f6ffnung \u00fcberschattet. Der Pavillon verwandelte sich dadurch ungewollt selbst in eine Form von <em>Ruin <\/em><em>\u2013 <\/em>emotional, historisch, biografisch. Sung Tieu legte unterdessen eine andere deutsche Geschichte frei: die der vietnamesischen Vertragsarbeiter der DDR, eingeschrieben in B\u00fcrokratien, Wartestrukturen und institutionelle K\u00e4lte. Kleine Marienk\u00e4fer tauchten zwischen administrativen Systemen auf, gl\u00e4serne Beine ihrer Mutter hingen wie Reliquien an den W\u00e4nden; fragile K\u00f6rperfragmente gegen die H\u00e4rte staatlicher Ordnung. Geschichte erschien hier nicht monumental, sondern sedimentiert. Und darunter vibrierte dieses seltsam deutsche Grundgef\u00fchl weiter: Sind wir eigentlich l\u00e4ngst integriert oder fremdeln Ost und West noch immer miteinander?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der amerikanische Pavillon blieb symptomatisch; allerdings vermutlich anders als beabsichtigt. Alma Allens langsame, organische Skulpturen wirkten beinahe demonstrativ entkoppelt von der politischen \u00dcberhitzung ringsum. Null politisch. Null Risiko. Fast schon aggressiv dekorativ. Aber immerhin nicht goldverchromter Mar-a-Lago-Barock. Gerade dadurch wurde der Pavillon lesbar: als Ausdruck einer amerikanischen M\u00fcdigkeit, die sich lieber in organische Formen zur\u00fcckzieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberhaupt war diese Biennale von Abwesenheiten gepr\u00e4gt. Russland blieb geopolitisch omnipr\u00e4sent. Absurderweise zog man die Massen mit Gratis-Alkohol, DJ-Sets und Eventatmosph\u00e4re in den Pavillon. Opium f\u00fcrs Volk, dazu ein bisschen Kunst. Davor Pussy Riot im Regen mit bengalischem Feuer. Auch der Israel-Pal\u00e4stina-Krieg lag \u00fcber der Stadt wie eine zweite Wetterlage. \u00dcberall Kufiyas, Gesten der Solidarit\u00e4t, Gaza als permanenter Subtext und auf der anderen Seite ein fast ebenso lautes institutionelles Schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Arsenale begann die Biennale schliesslich zu atmen. Weniger Pavillonpolitik, mehr Atmosph\u00e4re. Spiritueller wurde es dort auch: Sufismus, Candombl\u00e9, Heilungsrituale, Ahnenlinien, kosmologische Systeme. Nach all dem geopolitischen Dauerrauschen der Giardini wirkte das fast wie eine Verschiebung vom Nachrichtenticker ins Unterbewusstsein. Kader Attia verwandelte Technologie in ein von Geistern heimgesuchtes System; Alfredo Jaar tauchte seltene Erden und gr\u00fcne Zukunftsversprechen in apokalyptisches Rot; Tabita Rezaire verband Indigo, Spiritualit\u00e4t und Heilung zu einer materiellen Kosmologie. Und Cauleen Smith schuf mit ihrem Wanda-Coleman-Kosmos eine der sch\u00f6nsten emotionalen Landschaften dieser Biennale, irgendwo zwischen Los Angeles, Mixtape und Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fast noch st\u00e4rker aber waren viele der Collateral Exhibitions in der Stadt selbst. Vielleicht weil sie fokussierter waren. Weniger diplomatisch. Weniger ersch\u00f6pft. Bei Prada brachte Nancy Spector Arthur Jafa und Richard Prince zusammen, vielleicht heimlich der bessere amerikanische Pavillon. Zwei vollkommen unterschiedliche Bildsysteme zwischen Gewalt, Medienpsychose und Mythologie. Michael Armitage zeigte im Palazzo Grassi einige der st\u00e4rksten malerischen Positionen in Venedig: Bilder zwischen ostafrikanischer Politik, Mythos und europ\u00e4ischer Kunstgeschichte, gemalt auf Lubugo-Rindenstoff, der Erinnerung buchst\u00e4blich materiell einschreibt. Und in&nbsp;Canicula&nbsp;entstand mit Lawrence Abu Hamdans&nbsp;<em>450XL: The Story <\/em><em>of<\/em><em> a <\/em><em>Fugitive<\/em><em> Sound &nbsp;<\/em>vielleicht eine der eindringlichsten Arbeiten der gesamten Biennale: eine Rekonstruktion eines Schallangriffs bei Protesten in Belgrad: forensisch, unsichtbar, verst\u00f6rend pr\u00e4zise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt also von dieser Biennale? Vielleicht weniger ein klarer Satz als ein Zustand. Eine Kakophonie aus Protest, Klimaangst, institutioneller Ersch\u00f6pfung, K\u00f6rperpolitik, Spiritualit\u00e4t, Luxusindustrie und kollektiver \u00dcberreizung. Eine Biennale zwischen Molltonart und Alarmzustand. Und doch entstanden gerade in diesem L\u00e4rm Momente erstaunlicher Pr\u00e4zision. Arbeiten, die nicht versuchten, die Welt zu \u00fcbert\u00f6nen, sondern ihre feinen Risse h\u00f6rbar machten. Vielleicht war genau das Koyo Kouohs eigentliche Setzung:<br>kein Chor, sondern ein Ensemble widerspr\u00fcchlicher Stimmen. Und ein Zuh\u00f6ren, das die Dissonanz aush\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Carolyn Stocker-Seiler und Marie-Kathrin Krimphoff<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 61. Biennale von Venedig begann nicht mit Kunst, sondern mit Wetter. 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