{"id":17691,"date":"2026-05-29T07:04:32","date_gmt":"2026-05-29T07:04:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bergos.ch\/?p=17691"},"modified":"2026-05-29T07:04:36","modified_gmt":"2026-05-29T07:04:36","slug":"das-kollektive-kunstrauschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bergos.ch\/de\/das-kollektive-kunstrauschen\/","title":{"rendered":"DAS KOLLEKTIVE KUNSTRAUSCHEN"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1204\" height=\"1600\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/PHOTO-2026-05-20-16-05-20.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17676\" style=\"aspect-ratio:0.7500020330988493;width:529px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/PHOTO-2026-05-20-16-05-20.jpg 1204w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/PHOTO-2026-05-20-16-05-20-226x300.jpg 226w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/PHOTO-2026-05-20-16-05-20-771x1024.jpg 771w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/PHOTO-2026-05-20-16-05-20-768x1021.jpg 768w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/PHOTO-2026-05-20-16-05-20-1156x1536.jpg 1156w\" sizes=\"auto, (max-width: 1204px) 100vw, 1204px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Berlin \u00fcber Venedig bis nach New York verdichtete sich das Fr\u00fchjahr innerhalb weniger Wochen zu einem einzigen fortlaufenden Momentum zwischen Kunst, Politik, Markt und medialer \u00dcberhitzung &#8211; beinahe wie ein kollektiver Kunstrausch unmittelbar vor Basel und der Sommerpause.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gallery Weekend Berlin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Berlin er\u00f6ffnete die Saison mit maximaler Verdichtung. L\u00e4ngst ist das Gallery Weekend keine Wochenendveranstaltung mehr, sondern eine Kunstwoche zwischen Markt, Museum und Markeninszenierung. Im Hamburger Bahnhof zeigte Lina Lapelyt\u0117s <em>We<\/em><em> <\/em><em>Make<\/em><em> <\/em><em>Years<\/em><em> Out <\/em><em>of<\/em><em> Hours<\/em> die n\u00e4chste CHANEL Commission: 400\u2018000 Holzw\u00fcrfel, der Geruch von frischem Holz, Kinder zwischen VIPs und Kuratoren &#8211; Kunst als sozialer M\u00f6glichkeitsraum und zugleich perfekte Luxusmarkenb\u00fchne. Fast beil\u00e4ufig demonstrierten Sam Bardaouil und Till Fellrath, wie sich mit internationaler Vernetzung und kluger Querfinanzierung Bewegung in eine oft erstaunlich tr\u00e4ge Museumslandschaft bringen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parallel zog Marina Abramovi\u0107s <em>Balkan <\/em><em>Erotic<\/em><em> Epic<\/em> im Gropius Bau Schlangen wie fr\u00fcher vor dem Berghain an; Abramovi\u0107 selbst war nicht anwesend, sondern bereits auf dem Sprung nach Venedig, wo sie ihre Ausstellung in der Gallerie dell\u2019Accademia vorbereitete. Das eigentliche museale Meisterst\u00fcck gelang jedoch der Neuen Nationalgalerie mit der Ausstellung <em>Brancusi<\/em><em> &#8211; <\/em>pr\u00e4zise, still, nahezu vollkommen in den Dialog mit der Architektur Mies van der Rohes gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu den st\u00e4rksten Galerieausstellungen geh\u00f6rte Walid Raad bei Galerie Thomas Schulte. Seine sogenannten \u201eLove Notes\u201c &#8211; Botschaften von Soldaten, eingraviert in Bomben und Granaten vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart &#8211; entwickelten zusammen mit einem auf den Kopf gestellten VW-K\u00e4fer eine fast endzeitliche Wucht. Kaum jemand verbindet geopolitische Gewalt, Erinnerung und konzeptuelle Pr\u00e4zision derzeit so klug wie Raad.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erfrischend auch Daniel Buren bei Konrad Fischer. Der inzwischen 88-j\u00e4hrige K\u00fcnstler wirkte erstaunlich gegenw\u00e4rtig: Monumentale Spiegelarbeiten trafen im ehemaligen Umspannwerk auf Memphis-artige Farbigkeit und entwickelten eine unerwartete Lust an Oberfl\u00e4che und Reflexion. Sehr direkt, sehr sinnlich &#8211; irgendwie einfach: lecker.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Potsdamer Strasse blieb das eigentliche Gravitationszentrum des Wochenendes. Aber die Musik tanzte im Westen: Yuji Agematsu zeigte bei Buchholz fragile M\u00fcllassemblagen von beinahe arch\u00e4ologischer Intimit\u00e4t; Vivien Zhangs biomorphe Malereien changierten zwischen Sch\u00f6nheit und latentem Unbehagen bei Max Hetzler. Soci\u00e9t\u00e9 pr\u00e4sentierte Wynnie Mynervas exzessive K\u00f6rperwelten zwischen Migration und sexueller Befreiung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Mitte hingegen verdichtete Stefanie Heinze bei Capitain Petzel figurative Fragmente und bizarre R\u00e4ume zu surreal aufgeladenen Resonanzr\u00e4umen, w\u00e4hrend Pae White bei neugerriemschneider einen Kosmos aus riesigen Jacquard-Arbeiten zwischen Ornament und textilem Environment entfaltete. Gleichzeitig stellte sich zunehmend eine andere Frage: Ist Berlin noch immer der unangefochtene Mittelpunkt deutscher Gegenwartskunst &#8211; oder bekommt die Hauptstadt mit M\u00fcnchen und <em>Various<\/em><em> <\/em><em>Others<\/em> inzwischen einen ernstzunehmenden Sparring-Partner?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>New York Art Week <\/strong><strong>&#8211; Frieze, TEFAF &amp; Die Auktionen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitte Mai verdichtet sich New York regelm\u00e4ssig zum ersten grossen Crescendo des internationalen Kunstmarkts: Frieze, TEFAF, Independent, NADA sowie die grossen Evening Sales bei Sotheby\u2019s, Christie\u2019s und Phillips fanden nahezu zeitgleich statt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frieze New York im The Shed blieb architektonisch eher funktional als sinnlich, zeigte jedoch deutlich, wohin sich der Markt bewegt: Cindy Sherman bei Hauser &amp; Wirth, Maja Ruznic bei Karma, Genesis Belanger bei Perrotin oder Joe Bradley bei David Zwirner markierten eine Mischung aus abgesicherter Blue-Chip-Pr\u00e4senz und j\u00fcngeren Positionen. Besonders stark wirkte die von Lumi Tan kuratierte Focus-Sektion mit Galerien aus Buenos Aires, Mexiko-Stadt und S\u00e3o Paulo.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die TEFAF New York operierte dagegen auf einem vollkommen anderen Register: 7\u2018000 Jahre Kunstgeschichte im Park Avenue Armory, stille Robert-Ryman-Pr\u00e4sentationen bei David Zwirner und auffallend viel Minimalismus. Gleichzeitig tauchte pl\u00f6tzlich \u00fcberall wieder Paul Thek auf &#8211; bei Buchholz, Pace und Ortuzar. Der <em>artist\u2019s<\/em><em> <\/em><em>artist<\/em> wirkte fast wie ein melancholischer Gegenentwurf zur hyperglatten \u00c4sthetik des gegenw\u00e4rtigen Marktes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Auktionsmarkt im Mai wurde von grossen Single-Owner-Sammlungen dominiert &#8211; S.I. Newhouse, Robert Mnuchin, Agnes Gund. Die interessanteren Signale kamen jedoch von Werken ohne Garantien, um die tats\u00e4chlich im Saal gek\u00e4mpft wurde. Genau dort zeigte sich, wie der Markt derzeit wirklich funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sotheby\u2019s er\u00f6ffnete die Saison im Breuer Building &#8211; elegant, beinahe museal und zugleich fast zu intim f\u00fcr das Theater einer grossen Evening Sale. Alle elf Werke aus der Sammlung des verstorbenen H\u00e4ndlers Robert Mnuchin wurden verkauft; Rothkos <em>Brown and Blacks in Reds<\/em> erzielte 85,8 Millionen Dollar inklusive Geb\u00fchren. Der Saal selbst wirkte dabei wie ein pr\u00e4zises Bild des gegenw\u00e4rtigen Marktumbruchs: Teenager boten in der ersten Reihe auf Werke, \u00fcber neunzigj\u00e4hrige H\u00e4ndler sicherten sich Troph\u00e4en, Champagner-trinkende Zaung\u00e4ste eroberten freie Pl\u00e4tze. Neue Gesichter, altes Geld und Beobachter, die noch nicht ganz wissen, wo sie hingeh\u00f6ren. Gleichzeitig blieb die Energie im Raum erstaunlich d\u00fcnn. Viele Top-Lose waren bereits vorab \u00fcber Garantien und \u201eIrrevocable Bids\u201c platziert worden. Immer deutlicher zeigt sich, wie pr\u00e4zise die Auktionsh\u00e4user heute \u00fcber Datenprofile, Watch Lists und gezielte Voransprachen regelrechte \u201etargeted biddings\u201c orchestrieren k\u00f6nnen. Ein erheblicher Teil der Spannung verlagert sich damit l\u00e4ngst vor die eigentliche Auktion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christie\u2019s lieferte dennoch den H\u00f6hepunkt der Saison. Die Sammlung von S.I. Newhouse erzielte 630,8 Millionen Dollar; Pollocks <em>Number<\/em><em> 7A<\/em> erreichte 181,2 Millionen Dollar inklusive Geb\u00fchren &#8211; einer der h\u00f6chsten jemals erzielten Auktionspreise \u00fcberhaupt. Auch Agnes Gunds Rothko stellte mit 98,4 Millionen Dollar einen neuen Rekord auf. Dass Christie&#8217;s f\u00fcr den Newhouse-Brancusi eigens eine Nicole-Kidman-Kampagne in Auftrag gab &#8211; konzipiert von Tobias Meyer, inspiriert von Archivaufnahmen Lee Millers &#8211; war je nach Standpunkt entweder brillantes Marketing f\u00fcr ein 100-Millionen-Dollar-Objekt oder ein Symptom der Zeit.&nbsp; Die eigentliche Dynamik spielte sich allerdings in den Day Sales ab. Dort kam es zu echten Bieterduellen um Calder, Alma Thomas oder Bontecou. H\u00e4ndler berichten inzwischen halb ironisch: 750\u2018000 Dollar seien die neuen 500\u2018000 Dollar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die dominante \u00c4sthetik des Secondary Markets &#8211; Nachkriegsabstraktion und Abstrakter Expressionismus &#8211; spiegelt dabei vermutlich weniger die tats\u00e4chliche Nachfrage j\u00fcngerer Sammler wider als vielmehr die Struktur garantierter Nachl\u00e4sse und abgesicherter Trophy-Lots. Der Markt hat seine Euphorie noch nicht vollst\u00e4ndig zur\u00fcckgewonnen. Und dennoch: Er ist wieder in Bewegung geraten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ausblick &#8211; Art Basel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Juni verlagert sich der Fokus in die Schweiz. Den Auftakt bildet das Z\u00fcrich Art Weekend, bevor sich mit Unlimited und der VIP First Choice Preview alles auf Basel konzentriert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine der spannendsten Neuerungen in diesem Jahr ist \u201eBasel Exclusive\u201c: F\u00fchrende Galerien werden zentrale Werke erstmals wirklich messefrisch w\u00e4hrend der Preview zeigen und bewusst aus s\u00e4mtlichen Vorab-Previews zur\u00fcckhalten. Einerseits soll dadurch wieder echte Spannung entstehen &#8211; ein tats\u00e4chlicher Run auf die Troph\u00e4en, sobald Basel er\u00f6ffnet. Andererseits bleiben Vorabverk\u00e4ufe und Garantien f\u00fcr viele Galerien essenziell, um die enormen Kosten der Messe bereits im Vorfeld abzusichern. Genau zwischen diesen beiden Polen &#8211; \u00dcberraschung und Absicherung &#8211; d\u00fcrfte sich die diesj\u00e4hrige Art Basel bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unlimited, erstmals kuratiert von Ruba Katrib, setzt stark auf politische, soziale und \u00f6kologische Fragestellungen. Stefanie Hesslers Parcours-Projekt \u201eConviviality\u201c bespielt erneut den Stadtraum, w\u00e4hrend Nairy Baghramian und Ibrahim Mahama grosse ortsspezifische Installationen im \u00f6ffentlichen Raum realisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fast noch symptomatischer f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Stimmung der Woche ist allerdings der Basel Social Club. Ein leerstehendes B\u00fcrogeb\u00e4ude wird dort unter dem Titel \u201eOffice\u201c in eine tempor\u00e4re soziale B\u00fchne verwandelt &#8211; irgendwo zwischen Ausstellung, Party, Netzwerkmaschine und Gegen\u00f6ffentlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch institutionell ist Basel bemerkenswert stark aufgestellt: Pierre Huyghe in der Fondation Beyeler, Cao Fei und Helen Frankenthaler im Kunstmuseum Basel sowie Angelica Mesiti im Museum Tinguely.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberhaupt d\u00fcrfte Basel in diesem Jahr in besonders engem Dialog mit der Biennale von Venedig stehen. Viele der dort meistdiskutierten K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler werden zeitgleich mit Galeriepr\u00e4sentationen in Basel vertreten sein. Selten l\u00e4sst sich die unmittelbare Wechselwirkung zwischen institutionellem Diskurs, kuratorischer Aufmerksamkeit und Marktgeschehen so pr\u00e4zise beobachten wie in diesen Junitagen am Rhein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Marie-Kathrin Krimphoff und Carolyn Stocker-Seiler\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Berlin \u00fcber Venedig bis nach New York verdichtete sich das Fr\u00fchjahr innerhalb weniger Wochen zu einem einzigen fortlaufenden Momentum zwischen Kunst, Politik, Markt und medialer \u00dcberhitzung &#8211; beinahe wie ein kollektiver Kunstrausch unmittelbar vor Basel und der Sommerpause. Gallery Weekend Berlin Berlin er\u00f6ffnete die Saison mit maximaler Verdichtung. 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