{"id":17939,"date":"2026-07-31T09:37:50","date_gmt":"2026-07-31T09:37:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bergos.ch\/?p=17939"},"modified":"2026-07-31T09:37:53","modified_gmt":"2026-07-31T09:37:53","slug":"this-is-not-a-messe-ueber-kirchen-kunst-die-suche-nach-gemeinschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bergos.ch\/de\/this-is-not-a-messe-ueber-kirchen-kunst-die-suche-nach-gemeinschaft\/","title":{"rendered":"This Is Not A Messe. \u00dcber Kirchen, Kunst &amp; die Suche nach Gemeinschaft"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1512\" height=\"2016\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/seijla.png.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17942\" style=\"aspect-ratio:0.7500020330988493;width:529px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/seijla.png.jpg 1512w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/seijla.png-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/seijla.png-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/seijla.png-1152x1536.jpg 1152w\" sizes=\"auto, (max-width: 1512px) 100vw, 1512px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Prolog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Sommer, in denen m\u00f6chte man einfach nur ans Meer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es gibt Sommer, in denen man von einer Ausstellung zur n\u00e4chsten reist. Nach der Biennale in Venedig, den Gallery Weekends in Berlin, M\u00fcnchen und Z\u00fcrich, nach der Art Basel und unz\u00e4hligen Vernissagen k\u00f6nnte man meinen, der kulturelle Kalender g\u00f6nne sich endlich eine Pause. Doch vielleicht beginnt gerade jetzt die sch\u00f6nste Reisezeit des Jahres.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend draussen die Temperaturen auf \u00fcber 35 Grad steigen, es in Spanien und Frankreich brennt und sich Touristen durch die Gassen S\u00fcdeuropas schieben, f\u00fchrt der sch\u00f6nste Weg oft durch eine schwere Holzt\u00fcr. Dahinter: dicke Steinmauern, jahrhundertealte Gew\u00f6lbe und eine Temperatur, die keine Klimaanlage erzeugen kann. Vor allem aber etwas, das in unseren St\u00e4dten selten geworden ist: Stille.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fernab der Selfie-Spots begegnet man einigen der gr\u00f6ssten Meisterwerke Europas. In Venedig Tizian in Santa Maria Gloriosa dei Frari. Tintoretto in der Scuola Grande di San Rocco. Bellini in San Zaccaria. In Rom Caravaggio in San Luigi dei Francesi oder Berninis Ekstase der heiligen Theresa in Santa Maria della Vittoria. Keine Tickets. Keine Zeitfenster. Keine Fast Lane. Kunst, die einfach da ist. Seit Jahrhunderten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je l\u00e4nger wir diesen Kunstsommer planten, desto h\u00e4ufiger begegneten uns Kirchen. James Turrell er\u00f6ffnet in Aarhus seinen neuen Skyspace <em>The Dome<\/em>. In Gent verwandelt Asad Raza die ehemalige Karmeliterkirche der Kunsthal in einen funktionierenden Tennisplatz. Kein Wettkampf. Kein Publikum. Trainer laden Besucherinnen und Besucher ein, den Ball als Form des Dialogs hin- und herzuspielen. Der Kirchenraum wird nicht musealisiert. Er wird benutzt. In Venedig widmet Hans Ulrich Obrist den Vatikanischen Pavillon der Mystikerin Hildegard von Bingen und verwandelt ein Kloster in einen Klanggarten. Die Manifesta 16 zieht in zw\u00f6lf entweihte Nachkriegskirchen des Ruhrgebiets ein. Selbst viele der eindr\u00fccklichsten Momente der Biennale ereignen sich in Sakralr\u00e4umen. Eine neue Spiritualit\u00e4t? Zufall? Kaum. In Deutschland gibt es heute noch rund 40.000 Kirchen. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass in den kommenden zehn Jahren etwa die H\u00e4lfte von ihnen aufgegeben, umgenutzt oder sogar abgerissen werden k\u00f6nnte \u2013 rund 20\u2018000 Kirchen in bester Lage, Filetst\u00fccke sozusagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit jeder geschlossenen Kirche verschwindet jedoch nicht nur ein Geb\u00e4ude. Es verschwindet ein Ort der Begegnung, der \u00fcber Jahrhunderte das soziale Gef\u00fcge eines Quartiers gepr\u00e4gt hat. Genau an dieser Leerstelle setzt die Manifesta 16 an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>This <\/strong><strong>Is<\/strong><strong> Not a Church<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter dem programmatischen Titel <em>This <\/em><em>Is<\/em><em> Not a Church<\/em><em> <\/em>bespielt die Manifesta 16 erstmals zw\u00f6lf entweihte Nachkriegskirchen in Duisburg, Essen, Bochum und Gelsenkirchen. 106 K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler aus 30 L\u00e4ndern. Freier Eintritt. Es ist die letzte Ausgabe unter Hedwig Fijen, die Europas Wanderbiennale seit ihrer Gr\u00fcndung 1996 gepr\u00e4gt und durch St\u00e4dte wie Palermo, Marseille, Prishtina und Barcelona gef\u00fchrt hat. Danach \u00fcbernimmt eine junge Doppelspitze. Auch institutionell steht die Manifesta also an einer Schwelle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was zun\u00e4chst wie eine spektakul\u00e4re Ausstellungsidee wirkt, entpuppt sich als gesellschaftliches Forschungsprojekt. Vier Jahre lang untersuchten Kuratoren, Architekten, Stadtplaner und B\u00fcrger gemeinsam eine Region, die sich seit Jahrzehnten permanent neu erfinden muss(te). Der Architekt und Stadtplaner Josep Bohigas entwickelte in einem einj\u00e4hrigen Erkundungsprozess die <em>Urban Vision<\/em> der Biennale \u2013 nicht als Masterplan von oben, sondern als Bestandsaufnahme dessen, was bereits da ist und dennoch fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ruhrgebiet war nie eine klassische Metropole. Es war immer ein Geflecht: Zechen, Stahlwerke, Autobahnen, Arbeitersiedlungen, Krankenh\u00e4user, Schulen, Sozialzentren und Kirchen. Ein Melting Pot und ein urbanes Archipel ohne Mitte. Wer ortsunkundig durch die Region f\u00e4hrt, weiss bisweilen kaum, ob er sich gerade in Essen, Bochum oder Duisburg befindet. Die Quartiere fliessen ineinander, w\u00e4hrend die St\u00e4dte ihre Namen behalten. Anders als die Megacity w\u00e4chst das Ruhrgebiet nicht aus einem dominanten Zentrum nach aussen. Seine Morphologie folgt den Linien der Industrie, den Zerst\u00f6rungen des Krieges, den Wegen der Arbeit und den Geschichten jener Menschen, die hierherkamen. Zwangsarbeiter hielten w\u00e4hrend des Nationalsozialismus den industriellen Motor der Diktatur am Laufen. Sp\u00e4ter trugen Gastarbeiter entscheidend zum westdeutschen Wirtschaftswunder bei. Das Ruhrgebiet wurde zwangsl\u00e4ufig zu einem doppeldeutigen Schmelztiegel, lange bevor Diversit\u00e4t zur urbanistischen Zielsetzung wurde. Seine Identit\u00e4t entstand nicht aus Herkunft, sondern aus Arbeit. Nicht aus einem Zentrum, sondern aus Nachbarschaften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach 1945 wurden Kirchen zu einem wesentlichen Bestandteil dieses neuen Gef\u00fcges. 43 Prozent der Kirchen in Nordrhein-Westfalen entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg. Modern, experimentell, h\u00e4ufig bewusst offen gebaut. Sie sollten keine Monumente der Autorit\u00e4t mehr sein, sondern Orte demokratischer Teilhabe, Solidarit\u00e4t und kollektiver Zusammenkunft. Als das Ruhrbistum in den 1950er-Jahren gegr\u00fcndet wurde, sprach man von der Zielsetzung \u201ePantoffelkirche\u201c: Jede Gemeinde sollte ihr Gotteshaus zu Fuss erreichen k\u00f6nnen. In Pantoffeln, zumindest beinahe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Manifesta 16 Ruhr<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht liegt die eigentliche Radikalit\u00e4t der Manifesta 16 darin, dass sie nichts Neues baut. Sie \u00f6ffnet nur T\u00fcren. Aus sozialer Distanz, privatisiertem \u00f6ffentlichem Raum, der Entfremdung j\u00fcngerer Generationen und den Nachwirkungen der Pandemie entwickelt sie einen Gegenentwurf; keine neue Architektur, sondern neue N\u00e4he. Die zw\u00f6lf Kirchen sind keine leeren H\u00fcllen, in denen Kunst effektvoll erscheint. Sie werden zu Laboratorien des Zusammenkommens, zu neuen Orten f\u00fcr reale, analoge soziale Netzwerke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als sich das Ruhrgebiet 2021 um die Manifesta bewarb, beschrieb es sich als neue Seidenstrasse: Ein Geflecht unterschiedlicher Herk\u00fcnfte, Bewegungen, Visionen. Das klang nach Bewerbungsprosa. Vier Jahre sp\u00e4ter wirkt es beinahe pr\u00e4zise. Die Region hat sich vorgenommen, zur gr\u00fcnsten Industrieregion der Welt zu werden und Transformation nicht nur technisch, sondern sozial zu denken. Dass K\u00fcnstler inzwischen von Berlin in den Ruhrpott ziehen und eine internationale Biennale ihre Aufmerksamkeit nicht den Kulturtempeln, sondern den Quartieren widmet, l\u00e4sst sich als kulturelle Aufwertung lesen \u2013 vielleicht als erstes Indiz eines Ruhrgebiets 2.0, das dem Rechtsruck etwas entgegensetzt. Berlin wird teurer, der Pott billiger und pl\u00f6tzlich relevanter. Auch K\u00fcnstler folgen dem Mietspiegel. Kunst ist eben nicht nur Seismograf. Sie nimmt gesellschaftlichen Wandel oft vorweg, erprobt Modelle, bevor sie in Stadtplanung oder Politik ankommen. Kuratorisch folgt die Manifesta derselben Logik: kein Zentrum, keine einzelne Handschrift, kein allwissender Blick von oben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zw\u00f6lf Kirchen wurden generationen\u00fcbergreifenden Tandems anvertraut, die hier nicht Kuratorinnen, sondern \u201eCreative Mediators\u201c heissen \u2013 schon der Begriff verschiebt die Rolle, weg von Auswahl und Autorisierung, hin zu Vermittlung: zwischen Geb\u00e4ude und Quartier, Geschichte und Gegenwart, internationaler Position und lokalem Wissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ren\u00e9 Block, Fluxus-Erm\u00f6glicher und ehemaliger Direktor des Fridericianum, bildet ein Tandem mit der jungen Kuratorin Leonie Herweg. Die legend\u00e4re Warschauer Museumsdirektorin Anda Rottenberg arbeitet mit dem Kritiker Krzysztof Ko\u015bciuczuk. Henry Meyric Hughes, einst Direktor der Hayward Gallery, entwickelt seine Perspektive mit dem Autor und Kurator Michael Kurz. Der Urbanist Josep Bohigas, der bereits die \u201eUrban Vision\u201c f\u00fcr die Region erarbeitete, bespielt \u2013 im wahrsten Sinne &#8211; eine Kirche. Und G\u00fcrsoy Do\u011fta\u015f r\u00fcckt die migrantische, insbesondere deutsch-t\u00fcrkische Geschichte des Ruhrgebiets ins Zentrum. Vier Paare, vier Handschriften, eine Frage, die alle gleichermassen umtreibt: Was bleibt von einer Kirche, wenn ihr Ritual verschwindet? Die Antworten k\u00f6nnten unterschiedlicher kaum ausfallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gelsenkirchen<\/strong><strong>. <\/strong>G\u00fcrsoy Do\u011fta\u015f beantwortet sie \u00fcber die Migration; nicht chronologisch, sondern von innen, \u00fcber Sprache, Stoff und Ritual. Drei Kirchen, drei fast beil\u00e4ufige Untertitel oder Neubenennungen: \u201eWohnzimmer\u201c, \u201eMusikhalle\u201c, \u201eTeegarten\u201c. In der Thomaskirche, deren kristallines Geb\u00e4ude nach der Biennale, sehr passend, zum Architekturb\u00fcro wird, sind Textilarbeiten t\u00fcrkischer K\u00fcnstlerinnen der ersten Generation ausgestellt. Lange als Hausfrauenarbeit abgetan, dabei webte hier offenbar niemand aus Langeweile, sondern aus Notwendigkeit: ein Speicher aus Erinnerung und Muster, der sich unerwartet mit der alten Aufgabe der Kirche selbst ber\u00fchrt, denn auch dort waren es einst Frauen, die liturgische Gew\u00e4nder stickten. In St. Anna gibt es laute Hip-Hop-Beats mit Tanzfl\u00e4che auf dem Altar, eine Klanginstalltion von Emre Abuts, dazu in einer Nische ein Film von Cana Bilir-Meier, dort singt ein Chor ehemaliger Arbeitsmigranten zur Melodie von \u201eTschu, tschu, tschu, die Eisenbahn&#8220; jene \u00fcber 30.000 Vorschl\u00e4ge, die 1970 in einem westdeutschen Wettbewerb als Ersatz f\u00fcr \u201eGastarbeiter&#8220; eingereicht wurden: \u201eAuslandsbruder\u201c, \u201eFleissige Ameise\u201c, \u201eTeilb\u00fcrger\u201c, \u201eHeimatlose\u201c. Bilir-Meiers Chor macht daraus keine Anklage, sondern eine R\u00fcckeroberung: Wer die Begriffe wieder singt, entzieht ihnen die Macht, ziemlich subversiv f\u00fcr ein Kinderlied. Und in St. Bonifatius, zwischen Kr\u00e4utern und getrocknetem Tee, wird sichtbar, wie langsam Heimat manchmal w\u00e4chst \u2013 \u00fcber Kleing\u00e4rten, nicht \u00fcber Integrationsprogramme. Alle drei Kirchen verbindet dieselbe durchl\u00e4ssige Gitterkonstruktion, an der die Werke h\u00e4ngen: halb Ger\u00fcst, halb K\u00e4fig, ein Bild f\u00fcr das permanente Navigieren zwischen Sprachen, Heimaten, Zugeh\u00f6rigkeiten. Do\u011fta\u015f versammelt daf\u00fcr Namen, die in der migrantischen Kunstgeschichte noch immer zu selten fallen \u2013 Nil Yalter, Azade K\u00f6ker, Judith Raum. Seine Ausstellung erg\u00e4nzt die Geschichte des Ruhrgebiets nicht. Sie schreibt sie neu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Essen. <\/strong>Ren\u00e9 Block und Leonie Herweg w\u00e4hlen den klassischeren Zugang, kuratieren nicht Erfahrung, sondern Ausstellung und stellen doch dieselbe Frage: Verschwindet mit dem Ritual auch das Bed\u00fcrfnis nach Andacht, oder findet es nur eine neue Form? In St. Gertrud, deren \u201egebrochener Stil&#8220; noch die vereinfachte Nachkriegsrekonstruktion verr\u00e4t, trifft Ay\u015fe Erkmens KI-Beichtstuhl auf Nassan Turs <em>Elevation.<\/em> Absolution auf Zuruf, ganz ohne Bussgebet, vermutlich die einzige Beichte der Stadt, bei der man sich ernsthaft fragen muss, wer eigentlich mitliest. Daneben wachsen Nassan Turs Skulpturen, es sind in alte Kirchenb\u00e4nke geschnitzte, w\u00e4hrend der gesamten Biennale gesammelte W\u00fcnsche und Sorgen der Besucher weiter: Die Menschen haben nicht aufgeh\u00f6rt zu beten, glauben, hoffen und w\u00fcnschen. Sie \u201emanifestieren\u201c und richten es nur nicht mehr zwangsl\u00e4ufig an Gott, sondern es werden daraus \u201ePosts\u201c, eingeworfen in einen Briefkasten. Dar\u00fcber leuchtet, aus der originalen Mosaikinschrift geholt, das griechische Wort \u201eAgape\u201c \u2013 die h\u00f6chste Form der Liebe, hier weniger theologisch als gesellschaftlich gelesen als wandernde Lichtinstallation von \u0160ejla Kameri\u0107. Im Hauptschiff arbeiten Studierende der HBK Essen zwischen Rigipsw\u00e4nden: Kunsthochschule, Kirche und Biennale existieren gleichzeitig, nicht nacheinander.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">St. Marien, deren strenger Backsteinbau an die Malakowt\u00fcrme des Bergbaus erinnert, soll nach der Manifesta abgerissen werden; man betritt sie also mit doppeltem Blick. Jason Dodge verwandelt den Boden in eine begehbare M\u00fcllwiese aus Plastikschnipsel, Lavendel, Heu, Pigmenten und Samen; Katharina Fritschs monumentales rosa Birkenkreuz trifft auf William Engelens und Dagmara Gendas 144 h\u00e4ngende Metallrohre, die sich mit Schlegeln bespielen lassen wie eine zerlegte Orgel. Musik kehrt zur\u00fcck, nicht als Konzert, sondern als gemeinsame Handlung. Annika Kahrs f\u00fchrt diesen Gedanken in ihrem Film \u00fcber eine entweihte Kirche in Lyon fort, wo Tischler und Musiker aufeinandertreffen. Sakrale R\u00e4ume verlieren ihre Stimme nicht. Sie \u00e4ndern nur die Tonlage \u2013 manchmal, wie hier, gleich in eine ganze Kakophonie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Duisburg. <\/strong>Am leisesten, vielleicht am dichtesten kuratieren Michael Kurz und Henry Meyric Hughes die Kulturkirche Liebfrauen, als Studie \u00fcber das Verstummen selbst. Elizabeth Price setzt hier ihre Werkreihe \u00fcber Nachkriegskirchen fort und stellt einer Londoner Nachkriegskirche in Bermondsey die Essener Marienkirche gegen\u00fcber, errichtet auf den Tr\u00fcmmern ihrer Vorg\u00e4ngerin: Kirchenbau als, in Prices eigenen Worten, \u201eAusdruck des Nachkriegstraumas&#8220;. Direkt daneben hat Abbas Zahedi verwaiste Orgelpfeifen versammelt, geborgen aus stillgelegten und besch\u00e4digten Orgeln quer durch Europa, darunter aus einer Kirche in Kiew, aufgebaut wie eine Batterie stummer Raketenwerfer. Fromm sieht anders aus, aber genau das ist der Punkt: zwei Werke, ein Vakuum, das des verstummten gemeinsamen Glaubens und das des Kriegs, der immer mitklingt, auch wenn niemand ihn ausspricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bochum. <\/strong>Anda Rottenberg und Krzysztof Ko\u015bciuczuk fragen weniger, was erinnert wird, als wer erinnert werden darf. In Christ-K\u00f6nig empf\u00e4ngt Miros\u0142aw Ba\u0142kas Madonna \u2013 ein Stahlger\u00fcst, gef\u00fcllt mit Kohlebriketts, die Schutzpatronin einer Region, die ihren Wohlstand buchst\u00e4blich verbrannt hat, die Besucher, w\u00e4hrend Luc Tuymans&#8216; 36 Meter langer bemalter Vorhang KINO Standbilder aus Riefenstahls Triumph des Willens zeigt, die Fahnen blau statt rot, das Hakenkreuz getilgt: das Sakrale entkernt, ohne neutralisiert zu sein. In der Sakristei, die die Gemeinde nie betreten durfte, ersetzt Aline Bouvy h\u00f6lzerne Schrankt\u00fcren durch farbiges Plexiglas; pl\u00f6tzlich sichtbar, was jahrzehntelang verborgen blieb, Kelche und Gew\u00e4nder als beil\u00e4ufige Reliquien einer verschwundenen Praxis. Am eindringlichsten aber ist St. Anna, wo P\u0131nar \u00d6\u011frenci in ihrem Film <em>Gl\u00fcck auf! <\/em>in Deutschland tief im Fotoarchiv des Ruhr Museums gr\u00e4bt und die Geschichte der muslimischen und migrantischen Bergarbeiter freilegt, die den Wirtschaftswunder-Motor am Laufen hielten und dennoch aus Archiven, Zeitungen und offizieller Erinnerung fast vollst\u00e4ndig verschwunden sind; ihr Glaube fand im katholisch gepr\u00e4gten Ruhrgebiet ohnehin selten Platz. Besonders eindr\u00fccklich ein Archivbild, das Bergleute und ihre Familien in strahlend weisser Kleidung bei einer Demonstration zeigt: ein bewusster, \u00f6ffentlicher Beweis ihrer \u201eSauberkeit&#8220;. Aufgenommen Jahrzehnte bevor Gelsenkirchener AfD-Politiker in diesem Sommer Besen an Menschen mit Migrationshintergrund verteilten und sie aufforderten, ihre Strassen zu fegen. Die Wiederholung ist so exakt, dass sie fast zynisch wirkt. Fortschritt und Verlust fallen hier ohnehin zusammen: Als die Zechen schliessen, zerbricht mit dem Arbeitsplatz auch die einzige Identit\u00e4t ganzer Familien. Nebenbei: Dass die \u201ePantoffelkirchen\u201c der Nachkriegszeit nicht nur aus N\u00e4chstenliebe so kleinteilig \u00fcber die Siedlungen verstreut wurden, sondern auch, weil ein dezentrales Wohnmodell im Ernstfall bombensicherer war, geh\u00f6rt zu jenen Fussnoten der Stadtgeschichte, die man nicht mehr los wird, sobald man sie einmal gelesen hat. Und vor der kleinen Gethsemanekirche springt schliesslich Marina Naprushkinas H\u00fcpfburg ins Auge: eine halbierte, aufblasbare Kirchenglocke, beschriftet mit <em>We<\/em><em> <\/em><em>never<\/em><em> <\/em><em>go<\/em><em> back<\/em> \u2013 in einer Typografie, die unweigerlich an \u201eArbeit macht frei\u201c erinnert. Das Werk schl\u00e4gt eine beklemmende Br\u00fccke von der Geschichte der Zwangsarbeit zu den Arbeitsmigranten, ohne historische Unterschiede einzuebnen. Man h\u00fcpft, wird selbst zum Kl\u00f6ppel der eigenen Glocke \u2013 und doch ert\u00f6nt kein L\u00e4uten. Ein politisches Statement; so verspielt und zugleich so unbequem. Drinnen l\u00e4sst Miros\u0142aw Ba\u0142ka das Wort <em>Heimat<\/em> in sechs Sprachen spiegelverkehrt aufleuchten: unlesbar und gerade dadurch genau richtig verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann, fast zum Schluss, eine Kirche ohne ein einziges Kunstwerk im klassischen Sinn. Josep Bohigas, Stadtplaner und selbst Creative Mediator, macht aus einem geometrischen Nachkriegsbau einen Spielplatz im Kirchenraum, ein Stadion f\u00fcr die Nachbarschaft. Das katalanische Duo Cabosanroque installiert drei \u00fcberdimensionierte Basketballk\u00f6rbe, verbunden mit mobilen, weiss-pink gestreiften Turnstangen, die wie \u00fcberdimensionierte Mikadost\u00e4be den Raum durchziehen. Hinter den K\u00f6rben verbergen sich Saiteninstrumente, dahinter schmale Tore, verbunden mit der Orgel, die ausgerechnet durch Fehlw\u00fcrfe aktiviert wird. Jeder Airball setzt den Kirchenraum in Schwingung \u2013 vermutlich die einzige Kirche Europas, in der ein Fehlwurf mehr Applaus bekommt als ein Dreier. Rund vierzig Kinder aus dem Quartier tobten bei unserem Besuch durch das Kirchenschiff, w\u00e4hrend Kuratorinnen aus Basel am Rand standen und Sammler mit ehemaligen Priestern dar\u00fcber debattierten, ob sich der Erwerb der Kirche f\u00fcr einen symbolischen Euro lohnen k\u00f6nnte \u2013 und dennoch wirkte niemand fehl am Platz. Genau darin lag die eigentliche Arbeit: nicht in den Basketballk\u00f6rben, sondern darin, dass Kinder, Nachbarn, Kuratorinnen, Sammler und ehemalige Priester denselben Raum pl\u00f6tzlich wieder selbstverst\u00e4ndlich miteinander teilten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Epilog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht erleben wir im Ruhrgebiet deshalb weit mehr als eine Biennale. Die zw\u00f6lf Kirchen sind keine spektakul\u00e4ren Ausstellungsorte, sondern Reallabore. Ihre T\u00fcren \u00f6ffnen sich nicht nur f\u00fcr Kunst, sondern f\u00fcr die Frage, wie Gemeinschaft k\u00fcnftig wieder r\u00e4umlich organisiert werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht die Religion kehrt zur\u00fcck. Die Kunst beginnt, sich wieder f\u00fcr jene R\u00e4ume zu interessieren, die Europa lange vor Museen und Konzerth\u00e4usern zusammenhielten. Sie sucht nicht nach neuen R\u00e4umen. Sie sucht nach alten Funktionen und auch gemeinschaftlichen L\u00f6sungen \u2013 nach Orten, an denen Menschen zusammen-kommen, sprechen, streiten, feiern, trauern und tanzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man muss daf\u00fcr kein Zyniker sein, um auch die andere Seite zu sehen. N\u00fcchtern betrachtet sind zw\u00f6lf zentral gelegene, bestens erschlossene Grundst\u00fccke mitten im Wohngebiet vor allem eines: Immobilien in bester Lage. Von genau solchen Parzellen tr\u00e4umt jeder Projektentwickler zwischen M\u00fcnchen und Berlin. Dass ausgerechnet eine Kunstbiennale sie f\u00fcr einige Monate einem anderen Zweck zur\u00fcckgibt, ist selbst dann ein politisches Statement, wenn es nie als solches gedacht war. Kunst wird hier zur Zwischennutzung \u2013 und zugleich zum Pr\u00fcfstein. Denn oft k\u00fcndigt sie Ver\u00e4nderungen an, lange bevor Investoren, Stadtplaner oder Immobilienpreise sie sichtbar machen. Wo K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler auftauchen, ver\u00e4ndert sich selten nur das kulturelle Klima. Kunst k\u00fcndigt Ver\u00e4nderungen an. Sie ver\u00e4ndert aber nicht nur St\u00e4dte. Sie ver\u00e4ndert auch unsere Rituale. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Gedanke der Manifesta.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn die Frage lautet l\u00e4ngst nicht mehr nur, was aus Kirchen wird. Sondern welche gesellschaftliche Funktion sie einst erf\u00fcllten und wer sie heute \u00fcbernimmt. Vielleicht erkl\u00e4rt sich genau daraus auch, warum sich Kunst und Kirche bis heute so hartn\u00e4ckig begegnen. Beide waren nie nur Orte. Sie waren soziale Institutionen. Und manchmal verr\u00e4t die Sprache mehr \u00fcber diese Zusammenh\u00e4nge als jede kulturwissenschaftliche Theorie: Das franz\u00f6sische \u201ela messe\u201c bezeichnet bis heute den Gottesdienst, abgeleitet vom lateinischen \u201emissa\u201c \u2013 \u201eIte, missa est\u201c: Geht hinaus, ihr seid gesandt. Fast zeitgleich entstand aus den kirchlichen Feiertagen ein zweiter Begriff: \u201efoire\u201c und \u201efair\u201c, beide vom lateinischen \u201eferiae\u201c. An denselben Tagen, an denen man betete, begann man zu handeln. Aus Kirchenvorpl\u00e4tzen wurden M\u00e4rkte, aus M\u00e4rkten Jahrm\u00e4rkte, aus Jahrm\u00e4rkten Messen. Die Kunstmesse ist also keine Erfindung der Moderne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie ist die j\u00fcngste Auspr\u00e4gung einer sehr alten Idee.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch wir pilgern heute nach Basel, London, Paris, Miami, treffen dieselben Menschen, tauschen dieselben Geschichten, verabreden uns zur n\u00e4chsten Station. Der Kunstbetrieb hat l\u00e4ngst seine eigenen Feiertage, seine eigenen Pilgerwege. Meine inzwischen 98-j\u00e4hrige Grossmutter erz\u00e4hlte mir k\u00fcrzlich, dass sie als Kind mit ihrem Vater sonntags oft drei Messen hintereinander besuchen musste; nicht aus Fr\u00f6mmigkeit, sondern weil dies die einzige Gelegenheit war, f\u00fcr ihre Familie alle Menschen aus dem Dorf zu treffen. Die Kirche war Marktplatz, Nachrichtenb\u00f6rse, Konzertsaal in einem. Wie viele Messen besuchen wir heute im Jahr? Wie viele Vernissagen, wie viele Biennalen? Vielleicht unterscheiden sich unsere Wege weniger von denen unserer Grosseltern, als wir glauben. Der Kunstbetrieb hat die Gemeinschaft globalisiert. Die Manifesta erinnert daran, dass jede Gemeinschaft trotzdem an einem konkreten Ort beginnt, oft hinter einer schweren Kirchent\u00fcr, in der eigenen Nachbarschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 5. Oktober zieht die Manifesta weiter. Die Banner werden abgeh\u00e4ngt, die Kataloge verramscht, die \u201eCreative Mediators\u201c reisen ab. Der Kunstbetrieb zieht zur n\u00e4chsten Station. Die Kirchen aber bleiben. Sie stehen weiter dort, mitten in ihren Quartieren: leer, ungewiss, zur Disposition. Es w\u00e4re schade &#8211; oder genauer: fahrl\u00e4ssig -, wenn ausgerechnet jetzt diese Erfahrung folgenlos bliebe. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Gr\u00e4ben sichtbarer werden und Polarisierung w\u00e4chst, haben diese zw\u00f6lf Kirchen gezeigt, dass Gemeinschaft kein abstrakter Begriff ist. Sie braucht R\u00e4ume. R\u00e4ume, in denen Menschen sich begegnen, miteinander spielen, streiten, zuh\u00f6ren oder einfach nur nebeneinander sein k\u00f6nnen. Darin liegt die eigentliche Leistung der Manifesta. Sie hat keine neuen Geb\u00e4ude errichtet. Sie hat sichtbar gemacht, was l\u00e4ngst vorhanden ist: eine Infrastruktur der Gemeinschaft, die wir \u00fcber Jahrzehnte \u00fcbersehen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kirchen haben Kriege, Industrialisierung, Strukturwandel und S\u00e4kularisierung \u00fcberstanden. Sie sind vielleicht die best\u00e4ndigste Infrastruktur Europas. Sie stehen noch immer dort, wo sich das Leben seit Jahrhunderten kreuzt. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, was aus ihnen werden soll. Sondern ob wir bereit sind, sie wieder zu benutzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Marie-Kathrin Krimphoff &amp; Carolyn Stocker-Seiler<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prolog Es gibt Sommer, in denen m\u00f6chte man einfach nur ans Meer. Und es gibt Sommer, in denen man von einer Ausstellung zur n\u00e4chsten reist. 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