{"id":17964,"date":"2026-08-11T09:15:45","date_gmt":"2026-08-11T09:15:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bergos.ch\/?p=17964"},"modified":"2026-08-11T09:18:22","modified_gmt":"2026-08-11T09:18:22","slug":"der-euro-kann-die-politischen-fehler-der-usa-nicht-nutzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bergos.ch\/de\/der-euro-kann-die-politischen-fehler-der-usa-nicht-nutzen\/","title":{"rendered":"Der Euro kann die politischen Fehler der USA nicht nutzen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Dr. J\u00f6rn Quitzau und Steffen Killmaier, 05. August 2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>US-Dollar unter Druck. <\/strong>W\u00e4hrend sich die Welt wirtschaftlich und politisch neu ordnet, fallen die Verschiebungen auf den W\u00e4hrungsm\u00e4rkten bisher moderat aus. Der Wechselkurs des US-Dollars stand im vergangenen Jahr zwar deutlich unter Druck, konnte sich aber stabilisieren und schaffte in diesem Jahr sogar eine moderate Gegenbewegung.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Als sicherer Anlagehafen weiter gefragt. <\/strong>Der Iran-Krieg zeigt, dass die amerikanische W\u00e4hrung ihre Rolle als sicherer Anlagehafen trotz aller Unw\u00e4gbarkeiten der US-Politik noch nicht eingeb\u00fcsst hat. Direkt nach Kriegsbeginn verzeichnete der US-Dollar am Devisenmarkt Kursgewinne.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Status als Leitw\u00e4hrung vorerst nicht gef\u00e4hrdet. <\/strong>Als Reservew\u00e4hrung bleibt der US-Dollar mit grossem Abstand vor dem Euro die Nummer 1. Daran d\u00fcrfte sich kurz- und mittelfristig wenig \u00e4ndern. Die USA haben \u00fcber Jahrzehnte eine herausragende politische, wirtschaftliche und finanzielle Bedeutung erlangt. Der US-Dollar steht im Zentrum des Weltfinanzsystems und ist kurz- und mittelfristig kaum zu ersetzen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Neuer Fed-Vorsitzender als positives Signal. <\/strong>Nach den massiven Attacken des US-Pr\u00e4sidenten auf die Zentralbank Fed wirkte die Ernennung von Kevin Warsh zum neuen Vorsitzenden der amerikanischen Zentralbank f\u00fcr den Dollar stabilisierend. Warsh gilt als seri\u00f6ser Geldpolitiker alter Pr\u00e4gung, f\u00fcr den die Geldwertstabilit\u00e4t eine zentrale Bedeutung hat. Bei seiner ersten Pressekonferenz im Juni trat Kevin Warsh entschlossen, dynamisch, innovativ und sachkundig auf. Er betonte mehrfach, die amerikanische Zentralbank werde Preisstabilit\u00e4t liefern \u2013 was die M\u00e4rkte zun\u00e4chst beeindruckte.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Worte ersetzen nur bedingt Taten. <\/strong>Warshs rein verbale Ank\u00fcndigung, die Inflation unter Kontrolle zu bringen, verfing schon auf der zweiten Pressekonferenz nicht mehr wie noch im Monat zuvor. Eine gewisse Inflationstoleranz d\u00fcrfte die Fed trotz aller Beteuerungen auch unter Kevin Warsh an den Tag legen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Der Euro kann die Gunst der Stunde nicht nutzen. <\/strong>Die W\u00e4hrungsunion leidet an strukturellen Problemen. Das Wachstumspotenzial ist schwach, die Konstruktionsfehler des Euro bestehen fort, das politische Gewicht Europas ist gering und bei der Verteidigung und Energieversorgung steht Europa nicht auf eigenen Beinen. Trotz der strukturellen Nachteile k\u00f6nnte der Euro zum US-Dollar leicht aufwerten, wenn die geopolitischen Spannungen etwas nachlassen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Welt ist im Umbruch. An den Finanzm\u00e4rkten wird die (ungewisse) Zukunft neu bewertet. Eine der zentralen Fragen ist: Was geschieht mit der globalen F\u00fchrungsrolle der Vereinigten Staaten von Amerika. K\u00f6nnen die USA politisch wie wirtschaftlich die Weltmacht Nr. 1 bleiben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>US-Dollar unter Druck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die m\u00f6glichen Antworten auf diese Frage bewegt auch den Devisenmarkt. Gleichwohl fallen die Antworten bisher keineswegs eindeutig aus. Nach dem Amtsantritt von US-Pr\u00e4sident Donald Trump geriet die amerikanische W\u00e4hrung unter massiven Druck. In der ersten Jahresh\u00e4lfte verlor der handelsgewichtete Dollarkurs drastisch an Wert (Abbildung 1). Trumps disruptive und sprunghafte Art, seine fehlgeleitete Handelspolitik, der Druck auf die amerikanische Zentralbank und Trumps Missachtung von (internationalen) Institutionen zerst\u00f6rten nicht nur in der \u00d6ffentlichkeit, sondern auch bei Investoren viel Vertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Innerhalb der investmentpolitischen Gremien der Bank wird die durch die aktuellen Entwicklungen ver\u00e4nderte geopolitische Lage bereits seit heute Morgen analysiert. Eine Anpassung oder Best\u00e4tigung der Hausmeinung (aktuell: neutrale Aktien- und Obligationenpositionierung, \u00dcbergewicht in Gold) erfolgt bis zum B\u00f6rsenbeginn am Montag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Abb. 1: Handelsgewichteter US-Dollar<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"897\" height=\"539\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17965\" style=\"width:752px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.1.jpg 897w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.1-300x180.jpg 300w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.1-768x461.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 897px) 100vw, 897px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Quelle: Macrobond<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der US-Pr\u00e4sident machte praktisch vor nichts Halt. Auf internationaler Ebene verst\u00f6rte seine unklare Haltung im Russland-Ukraine-Krieg. Der vor den Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit ausgetragenen Disput mit dem ukrainischen Pr\u00e4sidenten Selenski im Weissen Haus machte dies sehr deutlich. Im weiteren Verlauf zerschlug Donald Trump weiteres Porzellan, indem er immer wieder auf Distanz zur NATO ging und sogar mit einer Annexion Gr\u00f6nlands drohte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die internationalen Finanzm\u00e4rkte war der politische Druck auf die Zentralbank von herausragender Bedeutung. Donald Trump hat nicht nur Druck auf die Fed als Institution ausge\u00fcbt, sondern auch einzelne Personen des Zentralbankrates attackiert. So verk\u00fcndete er \u2013 aus fadenscheinigen Gr\u00fcnden \u2013 die Entlassung der Fed-Gouverneurin Lisa Cook. Cook akzeptierte die Ansage des US-Pr\u00e4sidenten nicht, blieb im Amt und klagte mit Erfolg gegen ihre Entlassung. Der bis Mai 2026 amtierende Fed-Vorsitzende Jerome Powell wurde von Donald Trump zun\u00e4chst \u00fcber Monate verspottet. Anfang 2026 nahm der Druck auf Powell erneut zu. Trump beschuldigte den Fed-Vorsitzenden, f\u00fcr die ausufernden und ungeplanten Kosten der Renovierungsarbeiten am Fed-Hauptsitz in Washington D.C. verantwortlich zu sein. Es folgten strafrechtliche Ermittlungen gegen Jerome Powell, die im April allerdings (vorl\u00e4ufig) eingestellt wurden. Auch wenn Trump in beiden F\u00e4llen letztlich keinen Erfolg hatte, bleibt der Eindruck bestehen, dass die F\u00fchrung der Fed ihre Arbeit unter erheblichem politischem Druck machen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zudem nutzte Donald Trump im August 2025 den R\u00fccktritt der Gouverneurin Adriana Kugler, um die freiwerdende Position mit seinem Vertrauten und wirtschaftspolitischen Berater Stephen Miran zu besetzen. Miran steht f\u00fcr eine unorthodoxe Wirtschaftspolitik. Mirans handelspolitischen Vorstellungen lesen sich wie eine Blaupause f\u00fcr die Zollpolitik unter Donald Trump. Zudem sympathisierte Miran mit der Idee des sogenannten Mar-a-Lago-Accords, wonach andere L\u00e4nder gezwungen werden sollen, amerikanische Staatspapiere zu niedrigen Zinsen zu kaufen. Wie zu erwarten war, stimmte Miran w\u00e4hrend seiner Amtszeit (September 2025 bis Mai 2026) bei allen geldpolitischen Sitzungen der Fed f\u00fcr eine lockerere Geldpolitik als die \u00fcbrigen stimmberechtigten Mitglieder des Offenmarktausschusses.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Aufwind f\u00fcr den Euro<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da die Welt \u00fcber den Kurs der Trump-Regierung zunehmend irritiert war und internationale Investoren begannen, nach Alternativen zu den USA und zum US-Dollar zu suchen, bekamen Europa und der Euro wieder Aufwind. Die Europ\u00e4ische Gemeinschaftsw\u00e4hrung legte nicht nur gegen\u00fcber dem US-Dollar, sondern auf breiter Front zu (Abbildung 2).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend Donald Trump die \u00fcber Jahrzehnte aufgebaute Reputation und internationale Rolle der USA nach und nach besch\u00e4digte, wirkte Europa mit seiner Rechtsstaatlichkeit und im Vergleich hohen Verl\u00e4sslichkeit pl\u00f6tzlich wie die nat\u00fcrliche Alternative zu den USA. Der bilaterale Wechselkurs legte von rund 1,02 US-Dollar je Euro am Jahresbeginn 2025 auf 1,18 US-Dollar je Euro im September 2025 zu. Der Anstieg des Euro war gemessen an den handelsgewichteten Wechselkursen zu rund einem Drittel eine Eurost\u00e4rke und zu zwei Dritteln eine Dollarschw\u00e4che.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>US-Dollar: Totgesagte leben l\u00e4nger<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer nun glaubte, es w\u00fcrde zu einem regelrechten Dollar-Absturz kommen, sah sich get\u00e4uscht. Trotz aller Schreckensmeldungen aus den USA kratzte der EUR\/USD-Kurs zwar noch kurz an der Marke von 1,20, doch dann stabilisierte sich der US-Dollar und im Laufe des Jahres 2026 kam es zu einer Gegenbewegung bis zu einem Kurs von 1,13 US-Dollar je Euro.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Ausbruch des Iran-Krieges zeigte sich, dass die amerikanische W\u00e4hrung in Krisenzeiten immer noch als sicherer Hafen gesucht wird. Die USA verf\u00fcgen trotz aller politischen Eskapaden noch \u00fcber viele strukturelle Vorteile. Als gr\u00f6sster \u00d6lproduzent der Welt verkrafteten die USA den \u00d6lpreisschock besser als die europ\u00e4ischen Staaten. Zudem gilt das Land insgesamt als energieunabh\u00e4ngig. Mit den grossen Technologiekonzernen haben viele der zukunftstr\u00e4chtigen Unternehmen ihren Sitz in den USA. Die Wirtschaft zeigt sich widerstandsf\u00e4hig und das Wachstumspotenzial liegt weiterhin bei rund 2 Prozent \u2013 ganz so, als w\u00fcrde es die fehlgeleitete (Zoll-)Politik von US-Pr\u00e4sident Donald Trump nicht geben. Die politische und milit\u00e4rische Macht der USA ist immer noch sehr gross, sodass die Vereinigten Staaten weiterhin vielfach die Spielregeln bestimmen k\u00f6nnen. Der US-Dollar ist als Reservew\u00e4hrung immer noch unverzichtbar. Eine Abkehr von der US-W\u00e4hrung ist aus Mangel an Alternativen nur nach und nach und kurzfristig nur in engen Grenzen m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Abb. 2: Handelsgewichteter Euro<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"897\" height=\"536\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17967\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.2.jpg 897w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.2-300x179.jpg 300w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.2-768x459.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 897px) 100vw, 897px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Quelle: Macrobond<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr den Devisenmarkt spielte auch die Ernennung von Kevin Warsh zum Vorsitzenden der amerikanischen Zentralbank eine wichtige Rolle. Die Sorge vieler Marktteilnehmer, der Nachfolger von Jerome Powell k\u00f6nne lediglich eine Marionette des US-Pr\u00e4sidenten sein und losgel\u00f6st von den makro\u00f6konomischen Daten eine lockere Geldpolitik exerzieren, konnte mit der Ernennung von Kevin Warsh zu den Akten gelegt werden. Warsh gilt als seri\u00f6ser Geldpolitiker alter Pr\u00e4gung, f\u00fcr den die Geldwertstabilit\u00e4t eine zentrale Bedeutung hat. Ihm wird aber auch ausreichend Flexibilit\u00e4t und Pragmatismus nachgesagt, was den Umgang mit Pr\u00e4sident Donald Trump erleichtern d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleich bei seiner ersten Pressekonferenz im Juni trat Kevin Warsh entschlossen, dynamisch, innovativ, sachkundig und sehr eloquent auf. Er betonte mehrfach, die amerikanische Zentralbank werde Preisstabilit\u00e4t (im Sinne ihres 2-Prozent-Ziels) liefern \u2013 nachdem die Inflation bereits seit M\u00e4rz 2021 durchgehend in jedem Monat \u00fcber dem 2-Prozent-Ziel der Fed liegt. Zudem k\u00fcndigte Warsh die Bildung von f\u00fcnf Arbeitsgruppen an, um die Geldpolitik der Fed einer gr\u00fcndlichen Revision zu unterziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Abb. 3: Wechselkurs EUR\/USD<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"557\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17969\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.3.jpg 900w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.3-300x186.jpg 300w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.3-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Quelle: Macrobond<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Finanzm\u00e4rkte zeigten sich beeindruckt. Ohne dass die Fed den Leitzins angehoben hatte, stieg der US-Dollar gegen\u00fcber dem Euro an den Tagen nach der Zinsentscheidung im Juni um rund zweieinhalb Cent. Die Finanzm\u00e4rkte preisten die zuvor bef\u00fcrchtete Politisierung der Fed wieder aus. Nun machte die Erwartung einer strafferen Geldpolitik die Runde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der Pressekonferenz nach der Zentralbanksitzung im Juli pr\u00e4sentierte sich Kevin Warsh \u00e4hnlich entschlossen und eloquent wie im Juni. Erneut sagte er, die Fed werde Preisstabilit\u00e4t liefern. Und erneut hielt die Fed den Leitzins konstant, obwohl die Inflationsrate weiterhin deutlich zu hoch war. Daran l\u00e4sst sich eine gewisse Inflationstoleranz der Fed auch unter Kevin Warsh ableiten, der pers\u00f6nlich \u2013 im Gegensatz zu drei anderen Mitgliedern des \u00abFederal Open Market Committe\u00bb (FOMC) \u2013 f\u00fcr die Beibehaltung des gegenw\u00e4rtigen Leitzinsniveaus und nicht f\u00fcr eine Zinserh\u00f6hung gestimmt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Devisenmarkt reagierte anders als im Juni. Nach der Pressekonferenz geriet der US-Dollar gegen\u00fcber dem Euro unter Druck (wobei auch positive Konjunkturdaten aus der Eurozone dem Euro zugutekamen). Schon w\u00e4hrend der Pressekonferenz stellten Journalisten kritische Nachfragen. Sie wollten wissen, mit welchen Massnahmen die Fed die Inflationsraten senken wolle. Die rein verbale Ank\u00fcndigung, die Inflation unter Kontrolle zu bringen, verfing schon auf der zweiten Pressekonferenz von Kevin Warsh nicht mehr wie noch im Monat zuvor. Es scheint sich bereits die Einsch\u00e4tzung breit zu machen, dass Worte nur bedingt Taten ersetzen. Die gute Absicht reicht nicht, auch wenn sie eloquent vorgetragen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die amerikanische Zentralbank hat ein duales Mandat. Sie soll f\u00fcr Preisstabilit\u00e4t und f\u00fcr maximale Besch\u00e4ftigung sorgen. Eine zentrale Vorbedingung daf\u00fcr ist aber ein stabiler Finanzmarkt. Angesichts der immensen US-Staatsverschuldung bei inzwischen wieder h\u00f6heren Zinsen muss der US-Finanzminister einen immer gr\u00f6sseren Teil des Budgets f\u00fcr Zinszahlungen ausgeben. Sollte die Regierung in Finanzierungsschwierigkeiten geraten und die Zinsen f\u00fcr amerikanische Staatsanleihen abrupt steigen, w\u00e4re f\u00fcr die Zentralbank die Erf\u00fcllung ihres dualen Mandats gef\u00e4hrdet. Deshalb muss die Fed auch die Entwicklung der Marktzinsen im Blick haben. Hierbei zeigt sich der entlastende Effekt der Inflation. W\u00e4hrend die nominalen Renditen amerikanischer Staatsanleihen mit zehnj\u00e4hriger Laufzeit derzeit bei gut 4,7 Prozent liegen, reduziert die Inflation die realen Renditen markant auf aktuell knapp ein Prozent (Abbildung 4). Eine etwas h\u00f6here Inflation hat also nicht nur f\u00fcr den amerikanischen Finanzminister positive Nebenwirkungen, weil sie die Steuereinnahmen sprudeln l\u00e4sst, sondern auch f\u00fcr die Zentralbank, weil sie zumindest kurzfristig den Finanzierungsdruck f\u00fcr den amerikanischen Staat etwas senkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Abb. 4: Nominal- vs. Realzins (10-j\u00e4hrige US-Staatsanleihen)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"898\" height=\"543\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17971\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.-4.jpg 898w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.-4-300x181.jpg 300w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.-4-768x464.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 898px) 100vw, 898px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Quelle: Macrobond<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist noch zu fr\u00fch, \u00fcber den k\u00fcnftigen Kurs der Fed unter Kevin Warsh zu urteilen. Besonders interessant d\u00fcrften die Ergebnisse und Empfehlungen der f\u00fcnf Arbeitsgruppen werden, die bis Jahresende vorliegen sollen. Hierbei sind \u00dcberraschungen, die die bisherige Praxis der Geldpolitik sp\u00fcrbar ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, nicht ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Alternative Euro?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Euro erlebte im vergangenen Jahr mit seinen Kursgewinnen eine Scheinbl\u00fcte. Vor\u00fcbergehend wurden am Devisenmarkt einige Fakten ausgeblendet, die den Euro und die Wirtschaft der Eurozone strukturell belasten. Das Wachstumspotenzial in der Eurozone ist mit rund einem Prozent nur ungef\u00e4hr halb so hoch wie in den USA. Vor allem Deutschland, die gr\u00f6sste Volkswirtschaft der Eurozone, kommt mit einem Wachstumspotenzial von 0,3 Prozent kaum vom Fleck. Die wirtschaftspolitischen Reformen, die die Bundesregierung Anfang Juli vorgestellt hat, d\u00fcrften zumindest dazu beitragen, dieses magere Wachstumspotenzial f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre aufrecht zu erhalten. Ohne Reformen w\u00fcrde das Wachstumspotenzial gem\u00e4ss Sch\u00e4tzungen der Wirtschaftsforschungsinstitute bis zum Ende des Jahrzehnts auf null Prozent sinken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es hat sich auch nichts daran ge\u00e4ndert, dass die L\u00e4nder Europas weitaus abh\u00e4ngiger von Energieimporten sind als die USA. Zudem liegt Europa geografisch dicht am Kriegsgebiet bzw. an Russland und ist ohne den Beistand der USA nur bedingt verteidigungsf\u00e4hig. Insgesamt leidet Europa international auch an einer zu geringen politischen Bedeutung.&nbsp; All diese Defizite lassen sich nicht im Handumdrehen beheben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber die sicherheitspolitischen Risiken und die Wachstumsschw\u00e4che hinaus leidet der Euro zudem noch immer an seinen Konstruktionsfehlern. Die Eurozone ist aus mehreren Gr\u00fcnden kein optimaler W\u00e4hrungsraum. In der Eurozone ist die Geldpolitik vereinheitlicht bzw. zentralisiert. Die Finanzpolitik ist dagegen weiterhin dezentral und wird von den Nationalstaaten gemacht. Im Wissen um diese Konstruktionsschw\u00e4chen haben die V\u00e4ter der W\u00e4hrungsunion den Teilnehmerl\u00e4ndern vor dem Start der W\u00e4hrungsunion zun\u00e4chst ein Konvergenzprogramm verordnet, um die makro\u00f6konomischen Unterschiede einzuebnen. Dar\u00fcber hinaus hatten sie f\u00fcr die Eurozone ein geld- und fiskalpolitisches Regelwerk geschaffen, um m\u00f6gliche Probleme, die aus der Unterschiedlichkeit der Mitgliedsl\u00e4nder entstehen k\u00f6nnten, im Keim zu ersticken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei zentrale Elemente sollten die W\u00e4hrungsunion vor Inflation und Schuldenkrisen sch\u00fctzen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1. Der europ\u00e4ische Stabilit\u00e4tspakt: \u00dcber einen Konjunkturzyklus hinweg sollte der Haushalt eines Landes ausgeglichen sein. In Konjunkturabschw\u00fcngen waren Defizite von maximal 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) erlaubt, die Schuldenstandsquote sollte maximal 60 Prozent des BIP betragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2. Das sogenannte Bailout-Verbot (Art. 125 AEUV) besagt, dass weder die Europ\u00e4ische Union noch ein einzelner Mitgliedstaat f\u00fcr die Schulden und Verbindlichkeiten eines anderen Staates haften oder einstehen darf. Damit sollten Handlung und Haftung in Einklang gebracht werden \u2013 jedes Euro-Teilnehmerland sollte f\u00fcr etwaige finanzpolitische Verfehlungen selbst geradestehen und sich nicht auf fremde Hilfe verlassen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">3. Die Unabh\u00e4ngigkeit der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) sollte sicherstellen, dass die W\u00e4hrungsh\u00fcter sich allein auf die Wahrung der Geldwertstabilit\u00e4t konzentrieren k\u00f6nnen und nicht von hochverschuldeten Regierungen unter Druck gesetzt werden k\u00f6nnen, die Geldpolitik unangemessen zu lockern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle drei Elemente sind mehr als br\u00fcchig. Die Fiskalregeln des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakt wurden von den Regierungen nie besonders ernst genommen, sonst w\u00e4re es nicht zur Euro-Schuldenkrise ab 2010 gekommen. Die urspr\u00fcnglichen Fiskalregeln sowie die sp\u00e4ter hinzugekommenen Regeln wurden von den Euro-Teilnehmerl\u00e4ndern eher wie Empfehlungen behandelt, aber nicht wie verbindliche Vorgaben (Abbildung 5). Gem\u00e4ss dem EU Compliance Tracker hat Frankreich die Regeln zwischen 1998 und 2025 in nur rund einem Viertel der F\u00e4lle eingehalten. Mit anderen Worten: Meist hat Frankreich die Regeln der W\u00e4hrungsunion verletzt. Heute steht Frankreich mit einem Schuldenstand von 115 Prozent des BIP \u2013 also fast doppelt so viel wie gem\u00e4ss Stabilit\u00e4tspakt maximal zul\u00e4ssig \u2013 am Rande einer Schuldenkrise. Griechenland, Ausl\u00f6ser der Schuldenkrise ab 2010, hat die Regeln zwischen 1998 und 2025 in rund 40 Prozent der F\u00e4lle eingehalten. Und selbst Deutschland, das als finanzpolitisch solide gilt, hat die Regeln nur zu 54 Prozent eingehalten. Echte Strafen f\u00fcr Regelverst\u00f6sse hat es bisher \u00fcbrigens nicht gegeben, was die Glaubw\u00fcrdigkeit der Regeln massiv besch\u00e4digt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Abb. 5: Geringe Einhaltung der Fiskalregeln<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"622\" height=\"693\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17973\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.5.jpg 622w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.5-269x300.jpg 269w\" sizes=\"auto, (max-width: 622px) 100vw, 622px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Quelle: Europ\u00e4ischer Fiskalausschuss, eigene Darstellung. Durchschnittliche Einhaltungsquote der Fiskalregeln von 1998 bis 2025. <a href=\"https:\/\/commission.europa.eu\/european-fiscal-board-efb\/compliance-tracker_en\">Compliance Tracker<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Griechenland geriet wegen der Missachtung der Fiskalregeln in eine hausgemachte Schuldenkrise. Die europ\u00e4ische Staatengemeinschaft entschied sich in dieser Situation daf\u00fcr, den zweiten Baustein der W\u00e4hrungsunion \u2013 das Bailout-Verbot \u2013 zu umgehen, indem sie Griechenland zur Hilfe kam und diese Hilfe und wirtschaftspolitischen Anpassungsprogramme nicht allein dem Internationalen W\u00e4hrungsfonds \u00fcberliess.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da die Finanzm\u00e4rkte infragestellten, ob die EU-L\u00e4nder \u00fcber ausreichend finanzielle Mittel verf\u00fcgen, um Griechenland und gegebenenfalls andere hochverschuldete Staaten ausreichend zu unterst\u00fctzen, ging die Schulden- und Vertrauenskrise weiter. Letztlich sah sich die EZB gezwungen, einzuschreiten und potenzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr angeschlagene Euro-Teilnehmerl\u00e4nder prinzipiell ohne Limit zuzusagen. Daf\u00fcr brauchte es keine Weisung von Regierungsvertretern, sondern lediglich die ernsthafte Gefahr, die W\u00e4hrungsunion k\u00f6nnte unter der Last der zu hohen Staatsschulden auseinanderbrechen. Die EZB war zwar noch politisch unabh\u00e4ngig, aber sie war in ihrem Handeln nicht mehr unabh\u00e4ngig gegen\u00fcber den Marktrisiken, die sich wegen der finanzpolitischen Verfehlungen einiger Euro-Teilnehmerl\u00e4nder einstellten (\u00abfiskalische Dominanz\u00bb).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der europ\u00e4ischen Staatsschuldenkrise wurde die geld- und fiskalpolitische Architektur im Zuge der \u00abAufr\u00e4umarbeiten\u00bb \u00fcberarbeitet. Allerdings sind die Staatsschulden nach wie vor zu hoch. Im Durchschnitt sind die Teilnehmerl\u00e4nder der W\u00e4hrungsunion mit mehr als 85 Prozent des BIP verschuldet. Die Eurozone als Ganze ist also deutlich h\u00f6her verschuldet als die 60 Prozent des BIP, die das Schuldenstandskriterium zul\u00e4sst. Einzelne grosse Volkswirtschaften wie Frankreich (115 Prozent) oder Italien (137 Prozent) sind \u00fcberdurchschnittlich hoch verschuldet, sodass in der W\u00e4hrungsunion das Risiko einer neuen Staatsschuldenkrise latent schlummert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Abb. 6: Gl\u00e4ubigerstruktur der Staatsschulden in der Eurozone<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"701\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17975\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.6.jpg 701w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Abb.6-300x209.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 701px) 100vw, 701px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Quelle: Europ\u00e4ische Zentralbank, ECB Data Portal<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die EZB nimmt in der neuen Fiskalarchitektur der W\u00e4hrungsunion eine wichtige, und ihr urspr\u00fcnglich nicht zugedachte, Rolle ein. Sie hat seit 2015 durch massive Staatsanleihek\u00e4ufe (Abbildung 6) die Zinsen und damit die Finanzierungskosten der Staaten gesenkt. Sollten Frankreich oder Italien einmal das Vertrauen der Finanzm\u00e4rkte verlieren, liesse sich die Lage ohne die Hilfe der EZB voraussichtlich nicht kontrollieren. Die EZB beh\u00e4lt also ihre Rolle als Helfer in der Not.<br>\u00a0<br>Die skizzierten Probleme der W\u00e4hrungsunion haben zur Folge, dass der Euro die Rolle des US-Dollars als Weltleitw\u00e4hrung bisher nicht ernsthaft gef\u00e4hrden konnte. Der Euro ist inzwischen zwar eine etablierte W\u00e4hrung, er hat aber immer noch einen deutlichen R\u00fcckstand zum US-Dollar. So betrug der Anteil des US-Dollars an den globalen Devisenreserven im ersten Quartal 2026 rund 57 Prozent. Der Anteil des Euro lag wie seit Jahren bei rund 20 Prozent.<br>\u00a0<br><strong>Euro-Reformen<\/strong><br>Was w\u00e4re n\u00f6tig, um die internationale Bedeutung des Euro zu erh\u00f6hen und ihn zukunftsfest zu machen?<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0 Gelegentlich werden die USA als Vorbild genannt, weil sie trotz aller Probleme, die sich immer wieder auch in den USA eingestellt haben, vielen Beobachtern als Blaupause f\u00fcr eine funktionierende Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion (incl. Fiskalunion) gilt. Dabei darf aber nicht \u00fcbersehen werden, wie lang, z\u00e4h und problembehaftet in den USA der Weg zur Fiskalunion war. Der Weg dauerte mehrere Jahrzehnte und war von zahlreichen R\u00fcckschl\u00e4gen begleitet.<br>\u00a0<br>Auch die USA haben in ihrer Geschichte schlechte Erfahrungen mit Bailouts gemacht. Nach mehreren Bailouts von Bundesstaaten durch den Zentralstaat \u2013 d.h. der Zentralstaat \u00fcbernahm die Schulden \u2013 machte sich unter den Einzelstaaten zun\u00e4chst die Erwartung breit, in Haushaltsnotlagen vom Zentralstaat gerettet zu werden. In den 1840er Jahren durchkreuzte der Zentralstaat diese Erwartungen, indem er eine \u201eNo-Bailout-Klausel\u201c einf\u00fchrte und acht Staaten bankrott gehen liess. Damit wurde die fiskalische Eigenverantwortlichkeit der Einzelstaaten wieder etabliert.<br>\u00a0<br>Die glaubw\u00fcrdige No-Bailout-Regel gilt als wichtiger Bestandteil der amerikanischen Fiskalarchitektur, die im Ergebnis die Haushaltspolitik der Einzelstaaten stark diszipliniert. Die Einzelstaaten verordneten sich deshalb selbst Regeln \u2013 gleichwohl unterschiedlich scharfe \u2013, die f\u00fcr ausgeglichene Haushalte Sorge tragen sollten. Diese \u201eSchuldenbremsen\u201c gelten im Vergleich zu den europ\u00e4ischen Regeln als wirkungsvoller, weil sie nicht zentral angeordnet, sondern dezentral beschlossen und organisiert sind. Wenn ein einzelner Staat eine f\u00fcr alle Staaten geltende Regel bricht und daf\u00fcr nicht sanktioniert wird, verliert die Regel insgesamt ihre Glaubw\u00fcrdigkeit. Verst\u00f6sst hingegen ein einzelner Staat gegen eine von ihm selbst gesetzte Haushaltsregel, die auch nur f\u00fcr diesen einen Staat gilt, dann bleibt die Glaubw\u00fcrdigkeit der Haushaltsregeln aller anderen Staaten davon unber\u00fchrt.<br>\u00a0<br>Realistisch betrachtet k\u00f6nnte die US-Fiskalarchitektur allenfalls in der sehr langen Frist ein Beispiel f\u00fcr Europa sein. Dabei darf auch nicht unber\u00fccksichtigt bleiben, dass der Zentralstaat in den USA inzwischen \u00e4usserst hoch verschuldet ist.<br>\u00a0<br>Die n\u00e4chsten Schritte der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion sollten vorzugsweise darin bestehen, die Fiskalregeln wieder zu sch\u00e4rfen, sie glaubw\u00fcrdig durchzusetzen und etwaige Verst\u00f6sse zu sanktionieren. Die immer wieder diskutierten Gemeinschaftsanleihen sind abzulehnen, weil sie zwar kurzfristig die Finanzierungskosten der besonders hoch verschuldeten L\u00e4nder reduzieren, aber gleichzeitig langfristige Fehlanreize setzen. Wenn die Anreize f\u00fcr eine solide Finanzpolitik f\u00fcr alle Euro-Teilnehmerl\u00e4nder gest\u00e4rkt werden, w\u00e4re das auch eine Entlastung f\u00fcr die EZB, die dann nicht mehr als finanzpolitischer \u00abAusputzer\u00bb gebraucht w\u00fcrde.<br>\u00a0<br><strong>Ausblick<\/strong><br>Regierungen und Zentralbanken stehen untereinander im Wettbewerb. Normalerweise hat der Wettbewerb die Eigenschaften, aus allen Beteiligten das Beste herauszuholen und sie zu H\u00f6chstleistungen anzuspornen. In den letzten Jahren hat sich aber eher ein Wettbewerb nach unten entwickelt. Je expansiver die Finanzpolitik, je h\u00f6her die Staatsschulden, umso besser \u2013 so schien es zumindest. Und (nicht ganz unabh\u00e4ngig von der Schuldenpolitik der Regierungen) schienen die Zentralbanken viele Jahre nach dem Motto zu verfahren: je expansiver die Geldpolitik, umso besser.<br>\u00a0<br>Im bilateralen Wechselkurs machen sich solche Fehlentwicklungen kaum bemerkbar, wenn beide Wirtschaftsr\u00e4ume \u00e4hnliche Wege beschreiten. W\u00fcrde einer der beiden Wirtschaftsr\u00e4ume \u2013 die USA oder die Eurozone \u2013 auf einen finanzpolitisch nachhaltigen Weg zur\u00fcckkehren und damit die Zentralbank aus der impliziten Verantwortung entlassen, die Finanzierungskosten der Regierungen bei Bedarf zu senken, k\u00f6nnte sich das sp\u00fcrbar positiv auf den Wechselkurs der eigenen W\u00e4hrung auswirken.<br>\u00a0<br>Als leuchtendes Beispiel kann hier die Schweiz gelten. Mit einer Schuldenquote von unter 40 Prozent des BIP sind die Staatsfinanzen gesund. Dank weiterer Standortvorteile ist der Schweizer Franken eine starke W\u00e4hrung, die seit Jahren gegen\u00fcber dem US-Dollar und noch st\u00e4rker gegen\u00fcber dem Euro aufwertet.<br>\u00a0<br>Da weder von den USA noch von der Eurozone eine schnelle Kehrtwende in der Finanzpolitik zu erwarten ist, d\u00fcrften die Wechselkurs\u00e4nderungen eher graduell verlaufen. Wir erwarten auf Sicht von drei bis zw\u00f6lf Monaten einen etwas st\u00e4rkeren Euro. Wenn die geopolitischen Spannungen nachlassen, wird der US-Dollar als sicherer Anlagehafen weniger nachgefragt sein und etwas an Wert einb\u00fcssen. Zudem k\u00f6nnte sich die Anfangseuphorie um den neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh noch weiter legen, wenn Warsh versucht, das Inflationsproblem eher verbal als mit den klassischen Instrumenten der Geldpolitik zu bek\u00e4mpfen. Insgesamt d\u00fcrfte EUR\/USD moderat steigen und den Kurs Richtung 1,20 US-Dollar je Euro einschlagen. Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht deutlich \u00e4ndern, sollte diese Schwelle vorerst schwer zu \u00fcberwinden sein.<br><br><br><em><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> F\u00fcr eine detaillierte Analyse incl. Reformvorschl\u00e4gen vgl. Kronberger Kreis (2026), <a href=\"https:\/\/www.stiftung-marktwirtschaft.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/KK_76_Ist-der-Euro-zukunftsfest_2026.pdf\">Ist der Euro zukunftsfest?<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. J\u00f6rn Quitzau und Steffen Killmaier, 05. August 2026 Die Welt ist im Umbruch. An den Finanzm\u00e4rkten wird die (ungewisse) Zukunft neu bewertet. Eine der zentralen Fragen ist: Was geschieht mit der globalen F\u00fchrungsrolle der Vereinigten Staaten von Amerika. K\u00f6nnen die USA politisch wie wirtschaftlich die Weltmacht Nr. 1 bleiben? 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