{"id":18281,"date":"2026-10-30T14:20:06","date_gmt":"2026-10-30T14:20:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bergos.ch\/?p=18281"},"modified":"2026-10-30T15:39:42","modified_gmt":"2026-10-30T15:39:42","slug":"ceci-nest-pas-une-foire","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bergos.ch\/de\/ceci-nest-pas-une-foire\/","title":{"rendered":"Ceci n\u2019est pas une foire"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1931\" height=\"2521\" src=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1924-2.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-18328\" style=\"aspect-ratio:0.7500020330988493;width:470px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1924-2.jpeg 1931w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1924-2-230x300.jpeg 230w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1924-2-767x1002.jpeg 767w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1924-2-784x1024.jpeg 784w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1924-2-1177x1536.jpeg 1177w, https:\/\/www.bergos.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1924-2-1569x2048.jpeg 1569w\" sizes=\"auto, (max-width: 1931px) 100vw, 1931px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>London Calling. Paris Answering.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jeden Oktober vollf\u00fchrt die internationale Kunstwelt denselben eleganten Sprung \u00fcber den \u00c4rmelkanal: vom Regent\u2019s Park ins Grand Palais, von Mayfair ins Marais. Der Eurostar wird zum fahrenden Who\u2019s who des Kunstmarktes. Die Besetzung bleibt weitgehend dieselbe, nur die Kulissen wechseln. In diesem Jahr allerdings geriet die gewohnte Choreografie geh\u00f6rig aus dem Takt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">London wird seit dem Brexit und allerlei steuerlichen Kapriolen gern als Kunstmarktmetropole von gestern gehandelt. In diesem Herbst zeigte es sich \u00fcberraschend vital. Paris hingegen, die vielumschw\u00e4rmte Grande Dame des Marktes, von jeher mit Sch\u00f6nheit, Grandeur und reichlich Savoir-vivre gesegnet, wurde ausgerechnet von der eigenen politischen Wirklichkeit eingeholt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch der Reihe nach. Zun\u00e4chst London, wo die Sterne bemerkenswert g\u00fcnstig standen, und das nicht nur am Kunstmarkthimmel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>London Calling: Ground Control To Major Tom.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wurde kosmisch, surreal und erfreulich absurd. In Mayfair stellte Ren\u00e9 Magritte die Wirklichkeit auf den Kopf. Mit <em>This Is Still Not a Pipe: The Afterlife of Magritte<\/em> inszenierte Gagosian eine ebenso kluge wie spektakul\u00e4re Begegnung des belgischen Surrealisten mit mehr als vierzig K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern verschiedener Generationen. Darunter Alex Da Corte, der Magrittes r\u00e4tselhafte Alltagswelt in die Bildsprache der Popkultur \u00fcberf\u00fchrt; Victor Man mit seinen dunklen, verschlossenen Bildwelten; Glenn Ligon, der das Verh\u00e4ltnis von Sprache und Bild befragt; und Issy Wood, deren psychologisch aufgeladene Malerei das Vertraute ins Unheimliche kippen l\u00e4sst. Neunzig Jahre nach der legend\u00e4ren <em>International Surrealist Exhibition<\/em> von 1936, nur wenige Schritte vom heutigen Ausstellungsort entfernt, war der Surrealismus pl\u00f6tzlich wieder von verbl\u00fcffender Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4pfel, Pfeifen, Melonenh\u00fcte, Wolken: Magrittes vertraute Motive entziehen sich bis heute jeder Gewissheit. Besonders wunderbar ist <em>La Lampe philosophique<\/em> (1936), ein r\u00e4tselhaftes Selbstportr\u00e4t, in dem die Nase zur Pfeife und eine Kerze zur unm\u00f6glichen Lichtquelle wird. Magritte brauchte, notabene, keine k\u00fcnstliche Intelligenz, um Wirklichkeiten zu erschaffen, die es nicht gibt. Er wusste lange vor uns, dass Bilder per se Behauptungen sind und Worte nicht immer halten, was sie versprechen. In einer Gegenwart aus KI-generierten Bildern, alternativen Wahrheiten und digital konstruierten Realit\u00e4ten wirkt seine Kunst weniger wie ein R\u00fcckblick als wie eine verbl\u00fcffend hellsichtige Vorschau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur wenige Strassen weiter, bei Sadie Coles HQ in der Savile Row, wartete eine der eigentlichen Sensationen dieses Kunstherbstes: Nicole Eisenman. Eine Tour de Force zwischen kosmischem Staunen und politischer Groteske, von \u00fcberw\u00e4ltigender Wucht und virtuoser K\u00f6nnerschaft. In dem fast sieben Meter breiten Gem\u00e4lde <em>The Waiter<\/em> (2026) stehen wir unvermittelt mitten in Stonehenge, \u00fcber uns ein schwindelerregendes Universum aus Planeten, Sternen und fernen Galaxien. Dazwischen ein Kellner mit Tablett, als sei er durch den falschen B\u00fchnenausgang in eine andere Dimension geraten. Das Bild reicht von den R\u00e4tseln der menschlichen Fr\u00fchgeschichte bis in die Unendlichkeit des Kosmos, und mittendrin stehen wir: staunend, verloren, ratlos. Dank der Schwerkraft immerhin noch auf dem Boden der Tatsachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Eisenman holt uns ebenso unerbittlich in die politische Gegenwart zur\u00fcck. In <em>Parking Lot of Violent Forces and Depressive Positions<\/em> (2026) dr\u00e4ngen sich vermummte, militarisierte Gestalten von faschistoider Anmutung in einem winzigen Fahrzeug. Daneben erhebt sich ein monstr\u00f6ser, schmelzender ICE-Man, w\u00e4hrend im Hintergrund eine Frau ihren Einkaufswagen \u00fcber einen trostlosen, aufgerissenen Parkplatz schiebt. Die martialische Drohung kippt ins Groteske, das Absurde ins Unheimliche. Eisenman verbindet grosse Malerei mit bitterb\u00f6sem Humor, das Komische mit dem Tragischen, das Allt\u00e4gliche mit dem Apokalyptischen. Ihre Bildwelten sind ebenso fantastisch wie erschreckend vertraut. Das Surreale ist hier keine Flucht aus der Wirklichkeit. Es ist vielleicht ihre treffendste Beschreibung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und andernorts in Mayfair? Bei Thaddaeus Ropac begegneten uns Georg Baselitz\u2019 fr\u00fche Heldenbilder von 1965\/66, zum ersten Mal in Grossbritannien in einer Ausstellung, die ausschliesslich diesem Werkkomplex gewidmet ist. Es ist zugleich eine Ausstellung im Zeichen des Abschieds: Baselitz starb Ende April im Alter von 88 Jahren. Die Bilder entstanden, als er gerade 27 war und sich die internationale Kunstwelt zunehmend Minimal Art, Pop und Konzeptkunst zuwandte. Seine monumentalen Antihelden wirken wie Gespenster einer traumatisierten Nation. Verwundet, versehrt, in zerrissenen Uniformen, mit \u00fcberdimensionierten H\u00e4nden und F\u00fcssen stehen sie verloren in kargen Landschaften. Keine Sieger, keine glorreichen Heimkehrer, sondern gebrochene Existenzen, denen jede heroische Gewissheit abhandengekommen ist. Bilder eines Deutschlands, das sich im Wirtschaftswunder neu erfand, w\u00e4hrend die Schrecken des Krieges noch l\u00e4ngst nicht verwunden waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sechzig Jahre sp\u00e4ter ist ihre Aktualit\u00e4t best\u00fcrzend. Man denkt unweigerlich an die Ukraine, an die traumatisierten Soldaten, die aus dem Krieg zur\u00fcckkehren, an ihre Familien und Kinder, die mit den Folgen weiterleben m\u00fcssen. Wie nach jedem Krieg. Baselitz zeigt nicht den Helden, der Geschichte schreibt, sondern den Menschen, den die Geschichte gezeichnet hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">London war auf der Suche nach anderen Welten und betrachtete dabei die eigene bemerkenswert genau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Frieze. Totgesagte Leben L\u00e4nger.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Regent\u2019s Park ging es unterdessen ausgesprochen irdisch zu. Frieze London und Frieze Masters (14. bis 18. Oktober) pr\u00e4sentierten sich farbenfroh, selbstbewusst und quicklebendig. F\u00fcr eine Stadt, deren Niedergang als Kunstmarktmetropole seit Jahren prognostiziert wird, keine schlechte Bilanz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige namhafte Galerien fehlten allerdings: Almine Rech, James Cohan, Sean Kelly und Tina Kim setzten aus, ebenso Kurimanzutto, das 2025 noch seinen Artist-to-Artist-Stand ausverkauft hatte. Stephen Friedman fehlte naturgem\u00e4ss, denn seine Galerie war zu Jahresbeginn \u00fcberraschend in die Insolvenzverwaltung gegangen. Einige seiner ehemaligen K\u00fcnstler waren dagegen pr\u00e4sent, darunter Denzil Forrester, nun bei Thaddaeus Ropac. Andere kehrten zur\u00fcck: Pilar Corrias, seit 2023 nicht mehr auf der heimischen Messe vertreten, zeigte eine Pr\u00e4sentation zur fr\u00fchen modernen britischen Landschaftsmalerei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei den grossen Galerien dominierten Farbe und Format. Gagosian zeigte sechs grossformatige Gem\u00e4lde von Albert Oehlen, Pace widmete seinen Stand den Farbstudien von Marina Perez Sim\u00e3o. Dalton Paula bei Lisson und Miriam Cahn bei Jocelyn Wolff r\u00fcckten die menschliche Figur in den Mittelpunkt. Pace-Pr\u00e4sident Marc Glimcher beschrieb London als nat\u00fcrlichen Ort f\u00fcr Solopr\u00e4sentationen, Paris hingegen als den dynamischeren Verkaufsplatz. Eine diplomatische Einsch\u00e4tzung, cum grano salis zu nehmen, denn zwischen beiden Messen lag kaum eine Woche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Sektion Focus f\u00fcr j\u00fcngere Galerien ging es weniger zur\u00fcckhaltend zu. Steph Huang verwandelte den Stand von Public Gallery in Lili Deli, einen kleinen Lebensmittelladen, dessen Waren aus mundgeblasenem Glas und gegossenem Metall bestanden. Harlesden High Street pr\u00e4sentierte Marcus Jeffersons gespenstische Rekonstruktion einer l\u00e4ngst geschlossenen Lokalzeitungsredaktion. Ein niederl\u00e4ndischer Sammler kaufte die Installation f\u00fcr 40.000 Pfund.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am oberen Ende des Marktes bleibt die Lage komplizierter. Seit den 2024 beschlossenen Steuerreformen steht London unter Druck. Selbst Iwan Wirth hat seinen Hauptwohnsitz bereits im Sommer 2025 zur\u00fcck in die Schweiz gez\u00fcgelt, aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden, wie die Galerie betont. Der New York Times erkl\u00e4rte er, London sei nicht l\u00e4nger das Gravitationszentrum des Kunstmarktes. Welcome home!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verk\u00e4ufe konnten sich dennoch sehen lassen. Gagosian und die erstmals teilnehmende Galerie Alice Amati meldeten speditiv ausverkaufte St\u00e4nde, Gagosian alle sechs Oehlen-Gem\u00e4lde zu jeweils \u00fcber einer Million Dollar. Auch Pace verkaufte seine gesamte Pr\u00e4sentation. Den h\u00f6chsten gemeldeten Verkauf des ersten Tages verzeichnete Frieze Masters: Ein \u00fcber 400 Jahre altes Blumenstillleben von Jan Brueghel dem \u00c4lteren wechselte bei Hauser &amp; Wirth f\u00fcr rund f\u00fcnf Millionen Pfund den Besitzer. Die Preise f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst fielen bescheidener aus, die Nachfrage wurde gleichwohl vielfach als lebhaft beschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die eigentliche \u00dcberraschung lieferte London allerdings, parallel zur Messe, in den Auktionss\u00e4len.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>London. The Art Of The Comeback.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christie\u2019s erzielte am 14. Oktober mit zwei Abendauktionen 218,6 Millionen Pfund, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Allein die Sammlung von Monsoon-Gr\u00fcnder Peter Simon brachte rund 107 Millionen Pfund ein. Es war die wertvollste Einzelsammlung, die Christie\u2019s je in London versteigert hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Spitzenlos war Wassily Kandinskys <em>Das bunte Leben<\/em> von 1907. Das Gem\u00e4lde war 1940, wenige Monate nach dem deutschen Einmarsch, im besetzten Amsterdam aus dem Stedelijk Museum geholt und versteigert worden. Danach hing es \u00fcber Jahrzehnte in M\u00fcnchen, bis es 2023 an die Erben der j\u00fcdischen Sammlerin Hedwig Lewenstein-Weyermann restituiert wurde. Nun erzielte es 31,6 Millionen Pfund. Ein Mondrian folgte mit 25,2 Millionen, Ljubow Popowa stellte mit 7,6 Millionen einen neuen K\u00fcnstlerrekord auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und David Hockneys <em>Dog Painting 17<\/em>, das Bildnis seines schlafenden Dackels Stanley? Es war das erste seiner Hundebilder, das je unter den Hammer kam, wenige Monate nach dem Tod des K\u00fcnstlers im Juni. Es brachte 3,5 Millionen Pfund. Welche R\u00fcckschl\u00fcsse man daraus auf die Dackel\u00f6konomie ziehen m\u00f6chte, bleibt jedem selbst \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Sotheby\u2019s meldete solide Ergebnisse. Bei Christie\u2019s dominierte Barbara Hepworth die Modern-British-Auktion mit den drei teuersten Werken des Abends.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">London war also keineswegs abgeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings hatte dieses Comeback seine Regisseure. Etablierte Namen, klug kalkulierte Sch\u00e4tzpreise und Garantien sorgten daf\u00fcr, dass ein erheblicher Teil der Verk\u00e4ufe bereits vor dem ersten Hammerschlag abgesichert war. Die Erholung ist real. Aber sie ist auch gut inszeniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">The show must go on.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Paris Answering. La Grandeur Et La R\u00e9alit\u00e9.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann Paris.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend London die Kunst des <em>Keep calm and carry on<\/em> kultiviert, beherrscht Paris die grosse Inszenierung. Unter dem spektakul\u00e4ren Glasdach des Grand Palais versammelte Art Basel Paris 211 Galerien aus 41 L\u00e4ndern und Regionen, darunter rund dreissig Erstaussteller. Der franz\u00f6sische Kunstmarkt war 2025 um neun Prozent auf 4,5 Milliarden Dollar gewachsen und behauptete seinen Platz als viertgr\u00f6sster der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Paris hatte allen Grund zum Selbstbewusstsein. Die Stadt ist ihr eigenes bestes Argument. Kunst, Architektur, Mode, Gastronomie: Paris braucht keine Kulisse, Paris ist die Kulisse. Und es besitzt die unvergleichliche Gabe, selbst einen gew\u00f6hnlichen Dienstag in ein kulturelles Ereignis zu verwandeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur hielt sich die Wirklichkeit diesmal nicht ans Drehbuch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon die Avant-Premi\u00e8re am Dienstag stand unter ungew\u00f6hnlichen Vorzeichen. Am Wochenende zuvor hatte es landesweite, teils gewaltsame Proteste gegen Sparpolitik, Missst\u00e4nde im Bildungswesen und steigende Lebenshaltungskosten gegeben. Nun empfingen massive Betonbarrieren die G\u00e4ste vor dem Grand Palais.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drinnen herrschte zun\u00e4chst die gewohnte Betriebsamkeit. Hauser &amp; Wirth verkaufte Gerhard Richters fr\u00fches Fotogem\u00e4lde <em>Rokokotisch<\/em> (1965) und Georg Baselitz\u2019 <em>Der Hirte<\/em> (1965) f\u00fcr jeweils rund zehn Millionen Dollar. <em>Der Hirte<\/em> ist ausgerechnet einer jener Helden, denen wir eine Woche zuvor in London begegnet waren. White Cube platzierte zwei Gem\u00e4lde von Julie Mehretu f\u00fcr jeweils 7,85 Millionen Dollar, David Zwirner ein neues Werk von Marlene Dumas f\u00fcr drei Millionen. Pace Di Donna Schrader pr\u00e4sentierte Modiglianis liegenden Akt <em>Nu \u00e9tendu (Lolotte)<\/em> von 1917, seit 1920 in derselben Privatsammlung und mit \u00fcber 100 Millionen Dollar ausgepreist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche Kunstwerke werden auf Messen gebracht, um einen K\u00e4ufer zu finden. Andere rechtfertigen die Reise bereits durch die Schlagzeilen, die sie erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die Wirklichkeit jenseits der gl\u00e4sernen Messewelt liess sich nicht dauerhaft ausblenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ceci N\u2019est Pas Une Foire. Libert\u00e9 Toujours!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Auswirkungen waren unmittelbar sp\u00fcrbar. Reisen nach Paris wurden kurzfristig abgesagt, nicht allein aus Sicherheitsbedenken. Manchen erschien es angesichts der gesellschaftlichen Spannungen schlicht unangemessen, ausgerechnet jetzt nach Paris zu reisen, um hochpreisige Kunst zu erwerben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine bemerkenswerte Reaktion. Schliesslich bewegt sich die Kunstwelt seit jeher in einem eigent\u00fcmlichen Spannungsfeld. K\u00fcnstler hinterfragen Macht, Ungleichheit und politische Strukturen, ihre Werke aber werden in einem Markt gehandelt, der von erheblichem Wohlstand getragen ist. Ein Widerspruch? Gewiss. Aber kein neuer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Donnerstag wurde aus der politischen Grosswetterlage eine organisatorische Krise. Art Basel k\u00fcndigte an, die Messe bereits am Freitag um 19 Uhr zu schliessen. Samstag und Sonntag, zwei der drei Publikumstage, entfielen. Einige Galerien begannen mit den Vorbereitungen f\u00fcr den Abbau. Zahlreiche hochpreisige Werke waren da l\u00e4ngst verkauft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die VIPs hatten ihre Vorbesichtigung absolviert, die Millionenwerke neue Besitzer gefunden. Die Besucher mit Wochenendtickets erhielten eine E-Mail.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein \u00fcber soziale Medien verbreiteter Protestaufruf hatte zuvor den Champagnerkonsum und die exklusiven Empf\u00e4nge der Kunstwelt aufs Korn genommen, w\u00e4hrend andernorts \u00fcber K\u00fcrzungen \u00f6ffentlicher Ausgaben gestritten wurde. Kommentatoren merkten trocken an, eine Demonstration am Samstag h\u00e4tte ohnehin zwei Schwierigkeiten gehabt: Die wichtigsten K\u00e4ufer w\u00e4ren l\u00e4ngst abgereist. Und die Eintrittskarten waren teuer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Galerien war die vorzeitige Schliessung weniger am\u00fcsant. Manche hatten mehr als 100.000 Euro f\u00fcr ihren Stand bezahlt. Gerade kleinere Galerien sind auf die Publikumstage angewiesen, wenn Sammler aus den USA, Frankreich, Belgien oder der Schweiz anreisen. Die Wochenendtickets werden erstattet. Ob und in welcher Form Art Basel auch die Aussteller entsch\u00e4digt, ist bislang offen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Libert\u00e9, \u00e9galit\u00e9, fraternit\u00e9.<\/em> Drei grosse Worte. Und recht unterschiedliche Vorstellungen davon, was sie im Kunstmarkt bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei w\u00e4re es zu einfach, Kunst und Kommerz gegeneinander auszuspielen. K\u00fcnstlerische Produktion, institutionelle F\u00f6rderung, Galerien und Sammler sind vielfach miteinander verwoben. Kunst entsteht nicht ausserhalb der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, die sie untersucht. Und ein Kunstmarkt, der kulturelle Werte schafft und bewahrt, bleibt dennoch ein Markt mit erheblichen Ungleichheiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht lautet die eigentliche Frage also nicht, ob man in unruhigen Zeiten Kunst kaufen darf, sondern welche Verantwortung mit dem Sammeln einhergeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Paris. Beyond The Bubble.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abseits der Messe entfaltete Paris einmal mehr seine eigentliche St\u00e4rke: ein Museums- und Galerieprogramm von aussergew\u00f6hnlicher Dichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Bourse de Commerce feierte die Pinault Collection mit <em>Remember Me<\/em> 200 Jahre Fotografie. Barbara Kruger verwandelte die Rotunde mit <em>The History of Tears<\/em> in einen Strudel aus Sprache, Macht und Bildern. Irving Penn erhielt mit <em>The World According to Penn<\/em> einen eigenen Raum f\u00fcr rund 450 Fotografien, von den ber\u00fchmten Portr\u00e4ts und Modeaufnahmen bis zu Stillleben und ethnografischen Studien. Eine Ausstellung in der Ausstellung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht minder eindrucksvoll ist Raymond Depardons Serie <em>France<\/em>: menschenleere Strassen, verlassene Ladenfronten und die unspektakul\u00e4re Architektur franz\u00f6sischer Kleinst\u00e4dte, mit der Grossformatkamera aufgenommen und in warmes, sehr franz\u00f6sisches Licht getaucht. Eine stille Bestandsaufnahme des Landes jenseits der Postkartenmotive, die Sch\u00f6nheit en passant findet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von den fr\u00fchen Meistern \u00fcber die dokumentarische Tradition bis zu surrealistischen Experimenten und zeitgen\u00f6ssischer Abstraktion f\u00fchrte ein Parcours, der zeigte, wie sehr die Fotografie unser Bild von der Welt gepr\u00e4gt hat und wie wenig selbstverst\u00e4ndlich dieses Bild ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jenny Holzer machte das Mus\u00e9e d\u2019Orsay mit gravierten Steinb\u00e4nken zum Lesesaal. K\u00fcnstlerbriefe aus dem Museumsarchiv leuchteten als Projektionen an der Seine-Fassade und liefen als LED-Schriftb\u00e4nder durch die Galerien. Sprache wurde Bild, Licht und \u00f6ffentliche Intervention.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Mus\u00e9e d\u2019Art Moderne erhielt Simone Fattal endlich ihre erste Pariser Museumsausstellung. Es ist eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige W\u00fcrdigung einer K\u00fcnstlerin, die seit vielen Jahren in der Stadt lebt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Galerien hielten mit. Lee Krasner erhielt bei Gagosian, man glaubt es kaum, ihre erste Einzelausstellung in Frankreich \u00fcberhaupt. Nick Mauss zeigte Zeichnungen auf Samt und Spiegeln, und Jordan Casteel feierte mit <em>Winter Sun<\/em> bei Thaddaeus Ropac ihr franz\u00f6sisches Deb\u00fct.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Cloudy With A Chance Of Art.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt nach zwei Wochen, zwei St\u00e4dten und einem recht turbulenten Galopp durch die internationale Kunstwelt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">London, das man so gern abschreibt, war lebendiger als alle Abges\u00e4nge. Paris, l\u00e4ngst zum neuen Zentrum des europ\u00e4ischen Kunstmarktes ausgerufen, wurde von einer Wirklichkeit eingeholt, die sich weder kuratieren noch kontrollieren liess.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht verschieben sich die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse doch nicht so schnell, wie manche Prognosen vermuten lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Magrittes unm\u00f6glichen Himmeln \u00fcber Eisenmans ferne Galaxien bis unter die gl\u00e4serne Kuppel des Grand Palais bewegte sich dieser Kunstherbst zwischen surrealen Parallelwelten und sehr irdischen Verh\u00e4ltnissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">London blickte zu den Sternen.<br>Paris holte uns zur\u00fcck auf die Erde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und Magritte? Der h\u00e4tte uns vermutlich daran erinnert, dass die Dinge selten sind, was sie zu sein scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>London Calling. Paris Answering.<br>Or is it all about the weather?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Marie-Kathrin Krimphoff &amp; Carolyn Stocker-Seiler<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>London Calling. Paris Answering. Jeden Oktober vollf\u00fchrt die internationale Kunstwelt denselben eleganten Sprung \u00fcber den \u00c4rmelkanal: vom Regent\u2019s Park ins Grand Palais, von Mayfair ins Marais. Der Eurostar wird zum fahrenden Who\u2019s who des Kunstmarktes. Die Besetzung bleibt weitgehend dieselbe, nur die Kulissen wechseln. 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