
Von Berlin über Venedig bis nach New York verdichtete sich das Frühjahr innerhalb weniger Wochen zu einem einzigen fortlaufenden Momentum zwischen Kunst, Politik, Markt und medialer Überhitzung – beinahe wie ein kollektiver Kunstrausch unmittelbar vor Basel und der Sommerpause.
Gallery Weekend Berlin
Berlin eröffnete die Saison mit maximaler Verdichtung. Längst ist das Gallery Weekend keine Wochenendveranstaltung mehr, sondern eine Kunstwoche zwischen Markt, Museum und Markeninszenierung. Im Hamburger Bahnhof zeigte Lina Lapelytės We Make Years Out of Hours die nächste CHANEL Commission: 400‘000 Holzwürfel, der Geruch von frischem Holz, Kinder zwischen VIPs und Kuratoren – Kunst als sozialer Möglichkeitsraum und zugleich perfekte Luxusmarkenbühne. Fast beiläufig demonstrierten Sam Bardaouil und Till Fellrath, wie sich mit internationaler Vernetzung und kluger Querfinanzierung Bewegung in eine oft erstaunlich träge Museumslandschaft bringen lässt.
Parallel zog Marina Abramovićs Balkan Erotic Epic im Gropius Bau Schlangen wie früher vor dem Berghain an; Abramović selbst war nicht anwesend, sondern bereits auf dem Sprung nach Venedig, wo sie ihre Ausstellung in der Gallerie dell’Accademia vorbereitete. Das eigentliche museale Meisterstück gelang jedoch der Neuen Nationalgalerie mit der Ausstellung Brancusi – präzise, still, nahezu vollkommen in den Dialog mit der Architektur Mies van der Rohes gesetzt.
Zu den stärksten Galerieausstellungen gehörte Walid Raad bei Galerie Thomas Schulte. Seine sogenannten „Love Notes“ – Botschaften von Soldaten, eingraviert in Bomben und Granaten vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart – entwickelten zusammen mit einem auf den Kopf gestellten VW-Käfer eine fast endzeitliche Wucht. Kaum jemand verbindet geopolitische Gewalt, Erinnerung und konzeptuelle Präzision derzeit so klug wie Raad.
Erfrischend auch Daniel Buren bei Konrad Fischer. Der inzwischen 88-jährige Künstler wirkte erstaunlich gegenwärtig: Monumentale Spiegelarbeiten trafen im ehemaligen Umspannwerk auf Memphis-artige Farbigkeit und entwickelten eine unerwartete Lust an Oberfläche und Reflexion. Sehr direkt, sehr sinnlich – irgendwie einfach: lecker.
Die Potsdamer Strasse blieb das eigentliche Gravitationszentrum des Wochenendes. Aber die Musik tanzte im Westen: Yuji Agematsu zeigte bei Buchholz fragile Müllassemblagen von beinahe archäologischer Intimität; Vivien Zhangs biomorphe Malereien changierten zwischen Schönheit und latentem Unbehagen bei Max Hetzler. Société präsentierte Wynnie Mynervas exzessive Körperwelten zwischen Migration und sexueller Befreiung.
In Mitte hingegen verdichtete Stefanie Heinze bei Capitain Petzel figurative Fragmente und bizarre Räume zu surreal aufgeladenen Resonanzräumen, während Pae White bei neugerriemschneider einen Kosmos aus riesigen Jacquard-Arbeiten zwischen Ornament und textilem Environment entfaltete. Gleichzeitig stellte sich zunehmend eine andere Frage: Ist Berlin noch immer der unangefochtene Mittelpunkt deutscher Gegenwartskunst – oder bekommt die Hauptstadt mit München und Various Others inzwischen einen ernstzunehmenden Sparring-Partner?
New York Art Week – Frieze, TEFAF & Die Auktionen
Mitte Mai verdichtet sich New York regelmässig zum ersten grossen Crescendo des internationalen Kunstmarkts: Frieze, TEFAF, Independent, NADA sowie die grossen Evening Sales bei Sotheby’s, Christie’s und Phillips fanden nahezu zeitgleich statt.
Die Frieze New York im The Shed blieb architektonisch eher funktional als sinnlich, zeigte jedoch deutlich, wohin sich der Markt bewegt: Cindy Sherman bei Hauser & Wirth, Maja Ruznic bei Karma, Genesis Belanger bei Perrotin oder Joe Bradley bei David Zwirner markierten eine Mischung aus abgesicherter Blue-Chip-Präsenz und jüngeren Positionen. Besonders stark wirkte die von Lumi Tan kuratierte Focus-Sektion mit Galerien aus Buenos Aires, Mexiko-Stadt und São Paulo.
Die TEFAF New York operierte dagegen auf einem vollkommen anderen Register: 7‘000 Jahre Kunstgeschichte im Park Avenue Armory, stille Robert-Ryman-Präsentationen bei David Zwirner und auffallend viel Minimalismus. Gleichzeitig tauchte plötzlich überall wieder Paul Thek auf – bei Buchholz, Pace und Ortuzar. Der artist’s artist wirkte fast wie ein melancholischer Gegenentwurf zur hyperglatten Ästhetik des gegenwärtigen Marktes.
Der Auktionsmarkt im Mai wurde von grossen Single-Owner-Sammlungen dominiert – S.I. Newhouse, Robert Mnuchin, Agnes Gund. Die interessanteren Signale kamen jedoch von Werken ohne Garantien, um die tatsächlich im Saal gekämpft wurde. Genau dort zeigte sich, wie der Markt derzeit wirklich funktioniert.
Sotheby’s eröffnete die Saison im Breuer Building – elegant, beinahe museal und zugleich fast zu intim für das Theater einer grossen Evening Sale. Alle elf Werke aus der Sammlung des verstorbenen Händlers Robert Mnuchin wurden verkauft; Rothkos Brown and Blacks in Reds erzielte 85,8 Millionen Dollar inklusive Gebühren. Der Saal selbst wirkte dabei wie ein präzises Bild des gegenwärtigen Marktumbruchs: Teenager boten in der ersten Reihe auf Werke, über neunzigjährige Händler sicherten sich Trophäen, Champagner-trinkende Zaungäste eroberten freie Plätze. Neue Gesichter, altes Geld und Beobachter, die noch nicht ganz wissen, wo sie hingehören. Gleichzeitig blieb die Energie im Raum erstaunlich dünn. Viele Top-Lose waren bereits vorab über Garantien und „Irrevocable Bids“ platziert worden. Immer deutlicher zeigt sich, wie präzise die Auktionshäuser heute über Datenprofile, Watch Lists und gezielte Voransprachen regelrechte „targeted biddings“ orchestrieren können. Ein erheblicher Teil der Spannung verlagert sich damit längst vor die eigentliche Auktion.
Christie’s lieferte dennoch den Höhepunkt der Saison. Die Sammlung von S.I. Newhouse erzielte 630,8 Millionen Dollar; Pollocks Number 7A erreichte 181,2 Millionen Dollar inklusive Gebühren – einer der höchsten jemals erzielten Auktionspreise überhaupt. Auch Agnes Gunds Rothko stellte mit 98,4 Millionen Dollar einen neuen Rekord auf. Dass Christie’s für den Newhouse-Brancusi eigens eine Nicole-Kidman-Kampagne in Auftrag gab – konzipiert von Tobias Meyer, inspiriert von Archivaufnahmen Lee Millers – war je nach Standpunkt entweder brillantes Marketing für ein 100-Millionen-Dollar-Objekt oder ein Symptom der Zeit. Die eigentliche Dynamik spielte sich allerdings in den Day Sales ab. Dort kam es zu echten Bieterduellen um Calder, Alma Thomas oder Bontecou. Händler berichten inzwischen halb ironisch: 750‘000 Dollar seien die neuen 500‘000 Dollar.
Die dominante Ästhetik des Secondary Markets – Nachkriegsabstraktion und Abstrakter Expressionismus – spiegelt dabei vermutlich weniger die tatsächliche Nachfrage jüngerer Sammler wider als vielmehr die Struktur garantierter Nachlässe und abgesicherter Trophy-Lots. Der Markt hat seine Euphorie noch nicht vollständig zurückgewonnen. Und dennoch: Er ist wieder in Bewegung geraten.
Ausblick – Art Basel
Im Juni verlagert sich der Fokus in die Schweiz. Den Auftakt bildet das Zürich Art Weekend, bevor sich mit Unlimited und der VIP First Choice Preview alles auf Basel konzentriert.
Eine der spannendsten Neuerungen in diesem Jahr ist „Basel Exclusive“: Führende Galerien werden zentrale Werke erstmals wirklich messefrisch während der Preview zeigen und bewusst aus sämtlichen Vorab-Previews zurückhalten. Einerseits soll dadurch wieder echte Spannung entstehen – ein tatsächlicher Run auf die Trophäen, sobald Basel eröffnet. Andererseits bleiben Vorabverkäufe und Garantien für viele Galerien essenziell, um die enormen Kosten der Messe bereits im Vorfeld abzusichern. Genau zwischen diesen beiden Polen – Überraschung und Absicherung – dürfte sich die diesjährige Art Basel bewegen.
Unlimited, erstmals kuratiert von Ruba Katrib, setzt stark auf politische, soziale und ökologische Fragestellungen. Stefanie Hesslers Parcours-Projekt „Conviviality“ bespielt erneut den Stadtraum, während Nairy Baghramian und Ibrahim Mahama grosse ortsspezifische Installationen im öffentlichen Raum realisieren.
Fast noch symptomatischer für die gegenwärtige Stimmung der Woche ist allerdings der Basel Social Club. Ein leerstehendes Bürogebäude wird dort unter dem Titel „Office“ in eine temporäre soziale Bühne verwandelt – irgendwo zwischen Ausstellung, Party, Netzwerkmaschine und Gegenöffentlichkeit.
Auch institutionell ist Basel bemerkenswert stark aufgestellt: Pierre Huyghe in der Fondation Beyeler, Cao Fei und Helen Frankenthaler im Kunstmuseum Basel sowie Angelica Mesiti im Museum Tinguely.
Überhaupt dürfte Basel in diesem Jahr in besonders engem Dialog mit der Biennale von Venedig stehen. Viele der dort meistdiskutierten Künstlerinnen und Künstler werden zeitgleich mit Galeriepräsentationen in Basel vertreten sein. Selten lässt sich die unmittelbare Wechselwirkung zwischen institutionellem Diskurs, kuratorischer Aufmerksamkeit und Marktgeschehen so präzise beobachten wie in diesen Junitagen am Rhein.
Marie-Kathrin Krimphoff und Carolyn Stocker-Seiler