- Der Durchbruch auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz (KI) läutet eine neue Epoche ein. Die Wirtschaft wird zu den Gewinnern des technologischen Umbruchs gehören.
- Wie sich die prinzipiellen Produktivitätsgewinne auf Unternehmen und Arbeitnehmer verteilen werden, ist eine offene Frage.
- Gesellschaftspolitische Spannungen sind aus wirtschaftlichen und politischen Gründen nicht auszuschliessen.
Gesamtwirtschaftliche Prognosen unterliegen naturgemäss einer Reihe von Ungewissheiten. Dies gilt insbesondere in einer Welt, die einen grundlegenden Wandel durchläuft. Besondere Bedeutung für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung wird künftig der Einsatz der Künstlichen Intelligenz haben. Dabei stellt sich längst die Frage: Ist die Künstliche Intelligenz für Wirtschaft und Gesellschaft eher Fluch oder Segen?
Produktivitätspotenzial: Sicher ist zunächst nur, dass der vermehrte Einsatz von Künstlicher Intelligenz das Potenzial für einen Produktivitätsschub hat. Dank des technischen Fortschritts werden die Unternehmen mit den vorhandenen Produktionsfaktoren mehr produzieren können. Somit steigt das volkswirtschaftliche Wachstumspotenzial. Doch ein Blick auf die Details offenbart, wie wenig sich die Folgen des vermehrten Einsatzes der Künstlichen Intelligenz einschätzen und quantifizieren lassen. So ist keineswegs sicher, dass die potenziellen Produktivitätszuwächse vollumfänglich in höheren Output umgesetzt werden können. Wahrscheinlich wird die Arbeitswelt durch den Einsatz von KI für viele Arbeitskräfte bequemer und angenehmer werden – so wie technologische Innovationen auch in der Vergangenheit das Arbeitsleben insgesamt angenehmer gemacht haben. Auch könnten Arbeitnehmer durch kürzere Arbeitszeiten profitieren. Ein Teil der Produktivitätsgewinne dürfte also den Arbeitskräften zugutekommen. Der andere Teil würde den Output der Unternehmen erhöhen und die Gewinne steigern.
Beschäftigung: Kurzfristig wird der Einsatz Künstlicher Intelligenz dazu beitragen, den grassierenden Arbeits- und Fachkräftemangel zu lindern. Möglicherweise lässt sich der Mangel sogar ganz überwinden. Die kurzfristigen Arbeitsmarkteffekte des KI-Einsatzes sind also mit hoher Wahrscheinlichkeit positiv. Die mittel- und langfristigen Effekte sind hingegen nicht eindeutig. Wird die KI-Revolution lediglich eine weitere Episode strukturellen Wandels, bei der die bisherigen Jobs unter Druck geraten (zum Teil auch ganz verschwinden) und durch Arbeitsplätze mit neuen Anforderungsprofilen ersetzt werden? Die historische Erfahrung spricht für ein solches Szenario, in dem die Wirtschaft wächst und die alten Arbeitsplätze durch neue, höherwertige ersetzt werden. Aus volkswirtschaftlicher Sicht wäre so eine Entwicklung positiv zu bewerten. Gleichwohl: Der Strukturwandel würde nicht reibungslos verlaufen. In der Übergangsphase werden die Qualifikationen vieler Arbeitskräfte entwertet. Manche werden ihren Arbeitsplatz verlieren, ganze Berufsgruppen können verschwinden. Bei den Verlierern des Strukturwandels dürfte es zu Unmut und Frustration kommen. Das war bei früheren Episoden des Strukturwandels zwar nicht anders. Doch einiges spricht dafür, dass die KI-Revolution – anders als früher – vor allem gut bezahlte Arbeitsplätze und Arbeitskräfte mit hoher Qualifikation gefährden wird.
Es könnte also tendenziell eine Klientel betreffen, die sich aufgrund ihrer Qualifikation auf der sicheren Seite wähnte und bei denen das materielle Verlustpotenzial vergleichsweise hoch ist. In einem Negativ-Szenario ist sogar denkbar, dass im Zuge des digitalen Umbruchs dauerhaft deutlich mehr Arbeitsplätze verloren gehen als neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Auch ist denkbar, dass die Veränderungsgeschwindigkeit so hoch ist, dass die Veränderungsfähigkeit der Arbeitskräfte nicht Schritt halten kann. Dann würden zwar neue Arbeitsplätze entstehen, sie könnten wegen mangelnder Qualifizierungsgeschwindigkeit der Arbeitskräfte aber nicht besetzt werden. In solchen Fällen wäre mit zunehmenden Verteilungskonflikten und erheblichen gesellschaftlichen Spannungen zu rechnen.
Preiseffekte und Verteilungswirkungen: Die mit Künstlicher Intelligenz erzielte Wertschöpfung wird einerseits zu Gewinnen bei den Anbietern von KI-Lösungen führen, andererseits zu Entlastungen bei den Nutzern von KI-Tools (Unternehmen, Verbraucher). Letztlich hängen die Preiseffekte und Verteilungswirkungen sehr stark von den Preisen der eingesetzten KI-Tools ab. Je günstiger die KI-Tools angeboten werden, desto stärker profitieren die Anwender (Unternehmen, Verbraucher) sowie die Gesellschaft insgesamt. Die bisherigen Erfahrungen mit der Digitalisierung lassen einen preisdämpfenden Effekt erwarten. Digitale Waren und Dienstleistungen werden oft zu sehr geringen Preisen oder sogar kostenlos angeboten. So könnten auch die Preise mancher heute noch hochpreisiger Dienstleistungen erheblich sinken oder künftig kostenlos verfügbar sein. Die Verbraucher können auf der Kostenseite deutlich entlastet werden. Ob solche Entlastungen ausreichen, um auch diejenigen angemessen zu kompensieren, deren Arbeitsplätze und Einkommen wegen der KI-Revolution unter Druck geraten, bleibt abzuwarten. In jedem Fall ist die Politik gut beraten, Konzepte zu entwickeln, mit denen (temporäre) Einkommensverluste abgefedert werden können und die eine berufliche Um- bzw. Weiterqualifizierung ermöglichen („aktivierender Sozialstaat“). Solche Konzepte könnten sehr wichtig werden, um die gesellschaftliche Akzeptanz des digitalen Umbruchs zu gewährleisten. Schliesslich gibt es noch einen indirekten Effekt: Wenn der Arbeitskräftemangel überwunden werden kann, würde auch der Auftrieb bei den Löhnen eingedämmt. Die Chancen stehen deshalb gut, dass der Einsatz Künstlicher Intelligenz insgesamt einen dämpfenden Effekt auf die Teuerungsrate hat.
Reputationsrisiken: Schliesslich dürfen die Gefahren durch sogenannte Deepfakes nicht unerwähnt bleiben. Für Unternehmen, Politiker und Privatpersonen entstehen dadurch Reputationsrisiken, die erhebliche persönliche, finanzielle und politische Konsequenzen haben können. Schliesslich ist die Gesellschaft als Ganze betroffen. Das gesellschaftliche Zusammenleben basiert in erheblichem Masse vom Faktor Vertrauen. In einer Welt der Deepfakes wird Vertrauen zerstört und es müssen umfangreiche Ressourcen dafür aufgewendet werden, um die Glaubwürdigkeit von Unternehmen, Institutionen und Einzelpersonen wiederherzustellen.
Insgesamt bringt der vermehrte Einsatz Künstlicher Intelligenz grosse Chancen für die Wirtschaft und Gesellschaft. Auf der anderen Seite muss sich die Gesellschaft der Risiken, die mit dem KI-Einsatz einhergehen können, bewusst sein. Die technologische Entwicklung geht mit hohem Tempo voran, während staatliche Regulierungen im Regelfall nur zeitverzögert auf bereits eingetretene Fehlentwicklungen reagieren können. Zudem ist die Regulierung globaler Phänomene gerade dann schwierig, wenn die Länder sehr unterschiedliche Ziele verfolgen. Zusammengefasst ist klar: spannende Zeiten stehen uns bevor.
Weiterführende Literatur:
Quitzau, Jörn (2024), Künstliche Intelligenz und digitaler Umbruch – Fluch oder Segen für die Wirtschaft?, in: Rupprecht, M. (Hrsg.), Wirtschaft für morgen, Kohlhammer Verlag, Stuttgart. Erscheint in Kürze.