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Art Basel Qatar: Von der Spekulation zur Struktur

Februar 2026

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An kulturellem Ehrgeiz mangelt es der Golfregion nicht. Auktionshäuser bauen ihre regionale Präsenz aus, Messen justieren ihre geografischen Schwerpunkte neu, und gross angelegte Museumsprojekte werden regel-mässig angekündigt. Art Basel Qatar, deren VIP-Preview am 3. und 4. Februar 2026 startet, tritt in diese Landschaft als kalkuliertes Experiment von erheblichem Anspruch ein. Sie signalisiert Katars Bestreben, sich auf der globalen Kunstlandkarte zu positionieren und zugleich die Tragfähigkeit eines neuen regionalen Ökosystems zu erproben.

Als wir vor einiger Zeit den Blick auf den Nahen Osten richteten, verstanden wir die Region nicht als aufstrebende Peripherie, sondern als einen Ort aktiver Neupositionierung. Es zeichnete sich ein Wettbewerb zwischen Städten und Staaten ab, viele von ihnen von Herrscherfamilien regiert. Diese Entwicklung war wesentlich durch die kulturelle Aktivität von Sheikha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al Thani geprägt. Ihre Museums- und Ausstellungsstrategie hatte Doha früh als symbolischen Akteur positioniert, eine Bestätigung durch den internationalen Kunstmarkt blieb jedoch zunächst aus. Erst mit der Ankündigung von Art Basel in Katar im Jahr 2025 wurde diese Neupositionierung auch marktwirksam besiegelt. Die Grundlagen dafür waren jedoch längst gelegt. Von der 2007 gegründeten Art Dubai über die kuratorische Arbeit der Sharjah Biennale bis hin zur Eröffnung des Louvre Abu Dhabi im Jahr 2017 hatte der Golf seine institutionelle Ambition bereits unter Beweis gestellt. Auch Katar investierte frühzeitig, mit dem Museum für Islamische Kunst, dem Mathaf sowie mit global ausgerichteten Ausstellungen wie jener von Etel Adnan im Jahr 2014.

Art Basel Qatar führt nun ein neues Konzept ein und löst sich vom traditionellen, standzentrierten Messemodell. An der Spitze steht Wael Shawky, ein Künstler, dessen Arbeit wir seit seinem Auftritt im ägyptischen Pavillon der Biennale von Venedig 2024 aufmerksam verfolgen. In Zusammenarbeit mit Vincenzo de Bellis, Chief Artistic Officer und Global Director of Fairs von Art Basel, bewegt sich Shawky zwischen einem institutionellen Ansatz und einem sich herausbildenden lokalen kulturellen Ökosystem.

Die Ausgabe folgt dem thematischen Rahmen Becoming, der Transformation, Prozess und Wachstum betont. Das Format ist in kuratorischer Strenge und konzeptueller Tiefe verankert und setzt auf Einzelaus-stellungen, regionale Stimmen sowie ein dezentrales Ausstellungsmodell an verschiedenen Orten, darunter M7 und das Doha Design District in Msheireb Downtown. Mehr als die Hälfte der 87 Ausstellungen stammen aus dem Nahen Osten, Nordafrika und Südasien. Vertreten sind unter anderem Künstlerinnen und Künstler wie Etel Adnan, Simone Fattal und Ali Banisadr. Da jede Galerie auf eine Einzelausstellung über mehrere Standorte hinweg beschränkt ist, funktioniert die Messe weniger als Marktplatz denn als koordinierte, stadtweite Ausstellung. Die Herausforderung wird darin bestehen, ob und in welchem Mass sich diese kuratorischen Ambitionen in eine langfristige kulturelle und marktbezogene Wirkung übersetzen lassen. Hinter vorgehaltener Hand wird bereits kolportiert, dass ein Grossteil der präsentierten Arbeiten de facto schon an katarische Sammlerinnen und Sammler gebunden ist. Dies unterstreicht die enorme lokale Kaufkraft, wirft zugleich aber Fragen nach Markttransparenz und internationaler Zirkulation auf.

Shawkys Ernennung zum Artistic Director von Art Basel Qatar ist Teil einer umfassenderen institutionellen Ausrichtung. Seine künstlerische Praxis befasst sich seit Langem mit der Frage, wie Geschichte konstruiert, vermittelt und weitergegeben wird, häufig durch Formen, die Einschränkung, Choreografie und materielle Intelligenz in den Vordergrund stellen. Im ägyptischen Pavillon der Biennale von Venedig, den Shawky 2024 bespielte, verdichteten sich diese Fragestellungen zu marionettenbasierten Erzählungen, die Geschichte als performativen und vererbten Prozess verstanden und nicht als etwas Abgeschlossenes. Diese Logik prägt auch Shawkys institutionellen Ansatz. Seine Einzelausstellung Cabaret Crusades im Kunsthaus Bregenz im Jahr 2016 inszenierte Narration und räumliche Kontrolle innerhalb eines präzise kalibrierten architekto-nischen und zeitlichen Rahmens. Anfang dieses Jahres übernahm Shawky die Leitung des Fire Station Artist in Residence Programms in Doha und festigte damit seine Rolle innerhalb von Katars Produktionsinfrastruktur. Ziel ist es, internationale Sichtbarkeit mit den Bedingungen für künstlerische Produktion, Forschung und nachhaltige Praxis zu verknüpfen. Untermauert wird dies durch Katars Entscheidung, einen permanenten nationalen Pavillon in den Giardini der Biennale von Venedig zu errichten.

Während Art Basel Qatar für Sichtbarkeit und Marktkalibrierung steht, operiert Rubaiya Qatar auf einer anderen Ebene. Rubaiya, eine neue Quadriennale für experimentelle zeitgenössische Praktiken, ist darauf angelegt, prozessorientierte Arbeiten an mehreren Orten zu präsentieren. Die erste Ausgabe mit dem Titel Unruly Waters ist im Al Riwaq angesiedelt, direkt neben I. M. Peis Museum für Islamische Kunst. Zu den gezeigten Arbeiten gehört Rirkrit Tiravanijas Untitled 2025 No Bread No Ashes, eine Performance, die sich dem gemeinsamen Brotbacken widmet und Arbeit, Partizipation und kollektive Erfahrung ins Zentrum rückt. Die neue Quadriennale könnte sich rasch zu einem der wichtigsten zeitgenössischen Kunstereignisse am Golf etablieren, neben der Sharjah Biennale und staatlich geförderten Initiativen wie den Diriyah Contemporary Art and Islamic Arts Biennales in Saudi-Arabien. Für Katar markiert sie einen potenziell entscheidenden Schritt in der beschleunigten kulturellen Entwicklung des Landes.

Diese kulturellen Ambitionen entfalten sich in einer Region, die geopolitisch weiterhin komplex ist. US-amerikanische und britische Streitkräfte sind nach wie vor auf der Al Udeid Luftwaffenbasis nahe Doha stationiert, und Spannungen im Zusammenhang mit Iran bleiben ein dauerhafter Faktor für regionale Stabilität und internationale Wahrnehmung. Was den gegenwärtigen Moment in Katar, den Emiraten und Saudi-Arabien prägt, ist nicht allein der Umfang der Investitionen, sondern vor allem die Art ihrer Steuerung. In Katar macht dieses Triumvirat – Art Basel Qatar, Rubaiya und die Etablierung eines permanenten Biennale-Pavillons in Venedig – die zugrunde liegende Strategie sichtbar. Gemeinsam verweisen sie auf den Anspruch, von punktueller Sichtbarkeit zu einem dauerhaften kulturellen Ökosystem überzugehen. Die Infrastruktur wird mit bemerkenswerter Geschwindigkeit aufgebaut. Offen bleibt jedoch, ob es gelingt, Tiefe im gleichen Tempo zu kultivieren wie Aufmerksamkeit und ob diese kulturellen Strategien über ihre internationale Aussenwirkung hinaus tatsächlich reziprok in die Gesellschaft hineinwirken und dort nachhaltige Entwicklungsprozesse anstossen.

Carolyn Stocker-Seiler