
Die Augen können wir schliessen. Beim Ohr ist das schwieriger.
Der Sommer brachte die erhoffte Erholung, viel Kunst und auch ein wenig Fleissarbeit. Einer jener Orte, an die es uns zurückzog, war Venedig. Die Biennale hatte bei ihrer Eröffnung vor allem eines hinterlassen: eine politische und visuelle Kakophonie. Also wollten wir noch einmal hin – zu jenen Orten, für die im Mai schlicht die Zeit gefehlt hatte.
Zufall oder Fügung: Einer davon war der Pavillon des Vatikans, kuratiert von Hans Ulrich Obrist und Ben Vickers in Zusammenarbeit mit dem Soundwalk Collective. Schon sein Titel passte zu unserer Reise: The Ear is the Eye of the Soul. Alexander Kluge hatte Obrist den Satz mitgegeben, auf Deutsch und handschriftlich: „Die Ohren sind die Augen der Seele.“ Ein letzter kleiner Gedanke des grossen Erzählers, der im März dieses Jahres starb – und zugleich eine Referenz an Hildegard von Bingen, deren Vorstellung von Klang als Form des Erkennens den Pavillon durchzieht. Keine Warteschlange, kein Gedränge. Stattdessen bekamen wir kurz vor Torschluss sechzig Minuten im Giardino Mistico der Karmeliter: einem paradiesischen Klostergarten, versteckt direkt neben dem Trubel des venezianischen Bahnhofs.
Kopfhörer auf. Und hinein.
Draussen Lärm, hier Kontemplation. Wir wandeln mit überdimensionalen Kopfhörern unter einer Pergola aus Weinreben, die Trauben hängen so tief, als liessen sie sich direkt vom Himmel pflücken. Granatäpfel, Tomaten, Basilikum, Rosmarin, Thymian. Wir riechen, schauen, hören – und werden langsamer. Im Ohr die Gesänge Hildegards, gesungen von Benediktinerinnen aus Eibingen, dazwischen eigens für diesen Ort geschaffene Kompositionen von Brian Eno, FKA twigs, Meredith Monk, Terry Riley und anderen. Der Garten ist das Orchester, der Sound die zweite Wirklichkeit und wir ihre Protagonisten. Am Rand, beinahe beiläufig, Arbeiten von Otobong Nkanga und Precious Okoyomon. Am Ende eine kleine Kapelle. Patti Smith haucht uns in My Name Is Mary als die Mutter Gottes selbst ihren Schmerz ein: die Liebe zu ihrem Sohn, seinen Verlust. Flehend, beschwörend, verliert sie sich immer tiefer in Maria, bis kaum noch zu unterscheiden ist, wer hier eigentlich spricht. Über die Kopfhörer rückt uns ihre Stimme so nah, dass sie nicht mehr von aussen zu kommen scheint, sondern aus dem eigenen Kopf. Wir werden hineingezogen, ohne wirklich Distanz nehmen zu können. Bewegend, intensiv – und fast zu nah. Irritierend nah. Beinahe übergriffig. Als wir die Kopfhörer abnehmen, bleibt zunächst: ein Garten, ein Soundtrack – und vielleicht auch ein wenig Hype.
Never Switch Off
Vielleicht war es gerade der Kopfhörer, der aus diesem Klostergarten eine Erfahrung gemacht hat. Kunst, so scheint es, will nicht mehr nur betrachtet werden. Sie will erlebt werden. Installation, Performance, Immersion – noch eine Ebene, noch ein Sinn, noch ein Reiz. Dabei bewegen wir uns ohnehin längst permanent durch unsere eigenen Soundblasen. AirPods rein. Noise-Cancelling an. Aussenwelt aus. Oder? Noch ein Call, noch ein Podcast. Noch eine Sprachnachricht. Noch ein Song. Noch ein Hörbuch. Wir scrollen nicht mehr nur mit den Augen. Wir scrollen mit den Ohren. Und das Ohr besitzt eine besondere Intimität. Bei Kopfhörern entsteht das Phänomen der sogenannten in-head localization: Eine Stimme hat keine sichtbare Quelle mehr vor uns, sondern scheint im eigenen Kopf zu sitzen. Experimente zeigen, dass dieselbe Stimme über Kopfhörer grössere soziale Nähe erzeugen kann als über Lautsprecher. Vielleicht erklärt das einen Teil des Erfolgs von Podcasts: Fremde Menschen sprechen stundenlang dort, wo sonst unsere innere Stimme sitzt. Selbst Noise-Cancelling benutzen wir kaum noch für Ruhe. Wir löschen das Grundrauschen der Welt, damit der nächste Content noch ungestörter zu uns durchdringen kann. Aussen und innen, Eigenes und Fremdes werden durchlässig. Stimmen, Gedanken, Nachrichten, Musik. Never switch off. Non-stop listening. Dabei galt Klang einmal als Gegenmittel. Musik zum Abschalten. Meeresrauschen zum Einschlafen. Vogelgezwitscher zur Erholung. Wann wurde aus Ruhe eigentlich Content?
Der Sound als Material
Neu ist all das selbstverständlich nicht. Die Kunst hat das Auge schon vor mehr als hundert Jahren entthront. 1913 baut Luigi Russolo seine Intonarumori und macht den Lärm der industrialisierten Stadt zum musikalischen Material. Kurt Schwitters zerlegt in der Ursonate Sprache, bis Bedeutung zu Laut, Rhythmus und Atem wird. John Cage komponiert 1952 mit 4′33″ scheinbar nichts – und macht gerade dadurch hörbar, was ohnehin da ist. Dann Fluxus, elektronische Musik, Installation. Und schliesslich: Sampling. Irgendwann wird nicht mehr nur neuer Klang produziert. Das bereits Vorhandene wird zum Material. Aufnehmen, ausschneiden, wiederholen, neu kombinieren. Vielleicht liegt darin eine der entscheidenden Verschiebungen: Das Werk ist nicht länger nur Objekt. Es wird zeitlich, körperlich, performativ. Es verlangt Anwesenheit. In Venedig begegnete uns das nicht nur einmal.
Eines unserer absoluten Highlights: Helter Skelter in der Fondazione Prada, kuratiert von Nancy Spector. Sie bringt Arthur Jafa und Richard Prince zusammen – zwei Meister der Aneignung, zwei Betrachtungen Amerikas und zwei radikal unterschiedliche Perspektiven darauf. Prince sampelt die Bildwelten weisser amerikanischer Mythen; Jafa setzt ihnen Black Culture nicht als Randnotiz, sondern als eine ihrer produktivsten Kräfte gegenüber. Eine ziemlich geniale Setzung.
Für unsere Geschichte aber ist etwas anderes entscheidend: Jafa sampelt nicht nur Bilder. Er komponiert Bilder wie Musik: Filmgeschichte, YouTube, Nachrichten, Popkultur, Gewalt, Schönheit. Gefundenes und Eigenes. Jafa schneidet, wiederholt, verlangsamt, beschleunigt, konfrontiert. Dahinter steht sein Konzept der Black Visual Intonation: Er überträgt Prinzipien afroamerikanischer Musik auf das bewegte Bild, verschiebt Tempo und Rhythmus ähnlich wie ein DJ den Beat und verändert damit unsere Wahrnehmung von Zeit. Das ist vielleicht das Geniale: Er illustriert Black Music nicht. Er lässt Bilder nach ihrer eigenen Logik funktionieren. Montage wird Rhythmus, Wiederholung zum Loop, der Schnitt zur Synkope. Eine Frage zieht sich seit Jahrzehnten durch Jafas Arbeit: Wie können Bilder jene Kraft, Schönheit und Entfremdung transportieren, die Black Music in der amerikanischen Kultur besitzt? Man schaut nicht mehr nur. Man gerät in den Rhythmus.
Darin liegt eine besondere Macht des Sounds. Ein Bild bleibt uns gegenüber. Klang umgibt uns. Er braucht keinen Rahmen, keine Wand. Er erreicht uns von hinten, von oben, über den Raum oder direkt über den Kopfhörer. Sound überbrückt die Distanz zwischen Werk und Körper. Und genau dort wird es interessant.
Das Ohr als Brücke und Einfallstor
Nun nach Berlin, zum Saisonauftakt mit der Berlin Art Week. Auf unserer kleinen Soundstudie begegnet uns dort David L. Johnson: kleine graue Käfige. Fast harmlos. Darin unscheinbare Kästen, ähnlich einem Bewegungsmelder: sogenannte Mosquito-Geräte. Sie senden einen hohen, sirrenden Ton, den vor allem junge Menschen wahrnehmen. Mit den Jahren verlieren wir die hohen Frequenzen; das Gehör altert gewissermassen von oben nach unten. Die meisten Erwachsenen hören deshalb: nichts. Für Jugendliche kann der Ton schon nach wenigen Minuten kaum auszuhalten sein. Erfunden wurde das Gerät, um Teenager von Ladeneingängen und Plätzen zu vertreiben. Johnson entfernt solche Geräte aus dem öffentlichen Raum und sperrt sie seinerseits in Käfige und erschafft mit seinen Birdcages Kunst. Zwei Menschen können im selben Park stehen, dieselbe Bank, denselben Baum sehen und sich dennoch in zwei verschiedenen Räumen befinden. Der eine hört nichts. Der andere will weg. Eine Grenze, die man nicht sehen kann – und die fein säuberlich nach Alter sortiert. Hier kippt der Sound. Eben noch Nähe, Intimität, die Stimme im eigenen Kopf. Jetzt: Kontrolle. Und das Ohr, das sich nicht schliessen lässt, hat dem wenig entgegenzusetzen.
Kaum jemand beschäftigt sich so konsequent mit dieser unsichtbaren Macht des Klangs wie Lawrence Abu Hamdan. Der Künstler und Audio-Investigator nennt sich selbst „Private Ear“. 2023 gründete er Earshot, eine Organisation, die Klang dort untersucht, wo Bilder und andere Beweise an ihre Grenzen kommen.
15. März 2025, Belgrad. Hunderttausende Menschen stehen auf der Strasse. 15 Minuten schweigen sie gemeinsam – eine Minute für jeden der damals 15 Toten des eingestürzten Bahnhofsvordachs von Novi Sad. Es ist so still, dass Zeugen später berichten, man habe noch in grosser Entfernung Menschen husten hören. Kurz vor Ende der 15 Minuten geschieht etwas Merkwürdiges. Die Menge teilt sich. Innerhalb von Sekunden weichen Menschen zu beiden Seiten der Strasse aus, als käme etwas mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu. Nur: Auf den Bildern ist nichts zu sehen. Und auch die Videoaufnahmen liefern keinen eindeutigen Klang.
Ein Lauschangriff der anderen Art: Mitten in die Stille fährt ein Geräusch, zwei, drei Sekunden lang. Zeugen vergleichen es mit einem Düsenjet, mit einer Herde Pferde, „aber mit etwas Mechanischem“. Fast drei Viertel der schriftlichen Aussagen beschreiben, dass der Klang nicht nur zu hören, sondern im Körper zu spüren war, in den Knochen, in den Muskeln. Danach klagen Hunderte über Kopfschmerzen, Druck auf den Ohren, Übelkeit, Orientierungslosigkeit. Was bleibt, sind die Erinnerungen Tausender an einen Klang, den es offiziell nie gab.
Earshot beginnt zu rekonstruieren, was sich nicht sehen und kaum aufnehmen liess. Die Organisation analysiert 19 Videos, wertet 3.244 schriftliche Aussagen aus und führt 15 ausführliche Earwitness-Interviews. Aus Stimmen, Erinnerungen, Positionen im Raum und akustischen Vergleichen entsteht allmählich das Bild eines Klangs. Earshot kommt zu dem Schluss, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit eine gerichtete akustische Waffe eingesetzt wurde, und untersucht insbesondere den LRAD 450XL. Die serbischen Behörden bestreiten den Einsatz bis heute.
Aus dieser forensischen Rekonstruktion macht Abu Hamdan Kunst: 450XL: The Story of a Fugitive Sound, zu sehen in der Ausstellung Canicula im Ospedaletto. 15 Bildschirme starren uns an. 19 Minuten. Drohnenbilder der Menschenmenge. Dazwischen immer wieder schwarz-weisse Zwischentitel: die Aussagen der Earwitnesses. Menschen erzählen von einem Klang – aber wir hören ihre Stimmen nicht. Und auch den Klang, um den sich alles dreht, hören wir (fast) nicht. Was aber geschieht mit Zeugenschaft, wenn wir das Entscheidende selbst nicht hören können? Kein eindeutiger Ton, kein Bild als Beweis. Stattdessen Tausende Erinnerungen an etwas Flüchtiges, Unsichtbares, das sich offenbar dennoch tief in den Körper eingeschrieben hat. Wir müssen uns zu einem Klang verhalten, der unserer eigenen Wahrnehmung entzogen bleibt. Eine einzige Sekunde des von Earshot rekonstruierten Sounds ist in der Arbeit zu hören. Der übrige Ton stammt aus einer Komposition von James Hoff. Abu Hamdan folgt der Logik des Stummfilms. Nicht, um das Geschehen möglichst spektakulär nachzustellen, sondern um den Protestierenden, wie es in der Werkbeschreibung heisst, jene Stille zurückzugeben, die ihnen genommen wurde.
Vielleicht sollten auch wir uns die Stille wieder aneignen. Das Vakuum aushalten. Die Geräte ausschalten. Uns daran gewöhnen, dass nicht jede Leerstelle gefüllt werden muss – und wieder dem analogen Grundrauschen der Welt lauschen.
The Sound of Silence.
Marie-Kathrin Krimphoff und Carolyn Stocker-Seiler