Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser,
Investoren, die Ende März nicht die Nerven verloren haben, konnten von der dynamischen Erholung im April und Mai profitieren. Der S&P 500 als globaler Leitindex bewegte sich somit aus der Verlustzone in die Gewinnzone und erreichte im Mai neue Allzeithochs. Im Zuge der Friedensverhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran hat der WTI-Ölpreis von seinem Höchststand von USD 117 auf unter USD 70 bis Ende Juni nachgegeben. Somit hat sich ein global wirkender Belastungsfaktor entschärft.
Der dominierende Faktor neben der Hoffnung auf eine geopolitische Entspannung waren die Gewinne des ersten Quartals sowie das positive Momentum in den Gewinnwachstumsprognosen für das Gesamtjahr 2026. Unter der Oberfläche lässt sich beobachten, dass die Magnificent-7-Aktien zunehmend an relativer Stärke verlieren, während der breite Markt trotzdem steigt. Die Investorennachfrage verlagert sich zunehmend von Nvidia und Broadcom hin zu weiteren Bereichen der KI-Wertschöpfungskette. Aktien wie Intel, AMD und Micron Technology haben hiervon explosionsartig profitiert und deutlich an Relevanz in den Aktienindizes gewonnen. In extremer Form zeigt sich dies am südkoreanischen und taiwanischen Aktienmarkt, wo sich die Einzelaktien Samsung Electronics, SK Hynix beziehungsweise Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) zu dominierenden Klumpenrisiken entwickelt haben.
Getrieben durch die Kehrtwende der Geldpolitik, weg von weiteren Zinssenkungshoffnungen hin zu möglichen Zinserhöhungen, durchlebte der Obligationenmarkt einen signifikanten Kurswechsel. Der zunehmende Inflationsdruck hat bereits die Europäische Zentralbank und die Japanische Notenbank veranlasst, die Zinsen anzuheben. In ihrer ersten Sitzung unter dem Vorsitz von Kevin Warsh hat der Offenmarktausschuss noch nicht reagiert. Der Kapitalmarkt antizipiert für die Vereinigten Staaten erste Zinserhöhungen in der zweiten Jahreshälfte. Entsprechend sind die Renditen im US-Dollar-Raum gestiegen. Eine zweijährige US-Staatsanleihe rentiert heute mit über 4 % und bietet somit ein interessantes Rendite-Risiko-Verhältnis.
Gold leidet zunehmend unter dem neuen Zinsumfeld. Höhere Zinsen bedeuten für Investoren höhere Opportunitätskosten, denn Gold zahlt keine Dividenden oder Zinsen. Allerdings bleibt die Nachfrage der Zentralbanken aus Diversifikationsgründen ihrer Währungsreserven voraussichtlich hoch, und auch das breite Vertrauen von Privatinvestoren in Gold als Krisenwährung bleibt von möglichem temporärem Gegenwind unberührt.
Wie oben beschrieben, durchleben wir aktuell ein Umfeld von Umbrüchen auf unterschiedlichen Ebenen der Kapitalmärkte. Diese Entwicklungen bestärken uns in dem Weg, den wir Ende letzten Jahres eingeschlagen haben. Wir diversifizieren unsere Portfolios noch breiter als ohnehin schon. Dies gilt für die Investmentstile, bei denen wir neben Wachstumsaktien (Growth) bewusst Substanzwerte (Value) beimischen, für die Marktkapitalisierung mit der Ergänzung von Small- und Mid-Caps sowie für eine breitere Einzelaktien-Diversifikation in unseren Multi-Asset-Kernlösungen. Aber auch Gold und zielgerichtete Währungsabsicherungen sind hierbei feste Bestandteile für die Navigation des aktuellen Kapitalmarktumfelds.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen!
Mit freundlichen Grüssen
Maximilian Hefele
Stellvertretender Chief Investment Officer

Kompass
Der Energiepreisschock hat die Inflationsraten weltweit in die Höhe getrieben und vielerorts die Konjunktur belastet. Das Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran reduziert nun die Abwärtsrisiken für die Konjunktur und die Aufwärtsrisiken für die Inflation, denn der Ölpreis ist deutlich gesunken. In unserem Basisszenario waren wir (wie viele andere Prognostiker) davon ausgegangen, dass sich die militärische Lage bis zur Jahresmitte entspannt und der Ölpreis deutlich unter 100 US-Dollar je Barrel sinkt. Sollte sich der Ölpreis in den nächsten Wochen auf dem gegenwärtigen Niveau von rund 70 US-Dollar je Barrel einpendeln, dürfte die Konjunktur nach dem Rückschlag der letzten Monate allmählich wieder Fahrt aufnehmen.
Die Zentralbanken haben unterschiedlich auf den Inflationsschub reagiert. So hat die EZB den Leitzins im Juni um 25 Basispunkte angehoben – wenige Tage vor der Bekanntgabe des Friedensabkommens. Die US-Notenbank Fed, die Bank of England (BoE) und die Schweizerische Nationalbank (SNB) haben eine Woche später getagt und die Leitzinsen konstant gehalten. Für die SNB war der Verzicht auf höhere Leitzinsen am einfachsten, weil die Inflationsrate in der Schweiz bisher nur von 0,1 % auf 0,6 % gestiegen ist. Die SNB dürfte den Leitzins weiter bei 0% belassen, da die Gefahr für ein Ausbrechen der Inflationsrate aus dem Zielband von 0 % bis 2 % gering ist. EZB, BoE und die Fed werden zwar für einige Zeit noch mit im Vorjahresvergleich zu hohen Inflationsraten konfrontiert sein, doch sie haben die Möglichkeit, auf die schnell sinkenden Veränderungsraten gegenüber dem Vormonat zu verweisen – sofern der Ölpreis nicht wieder deutlich steigt. Sie könnten auf Zinserhöhungen verzichten. Dies gilt insbesondere für die EZB und die BoE, da in ihren Währungsräumen die Konjunktur lahmt. In den USA präsentiert sich die Wirtschaft hingegen weiterhin robust und die Inflation ist deutlich zu hoch. Nach der Juni-Sitzung, der ersten unter dem neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh, spricht viel für eine Zinserhöhung im Herbst.
Das Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran nimmt etwas Spannung aus der brisanten Weltlage. Ob das Abkommen hält und wie sich die Situation in der Region weiterentwickelt, bleibt abzuwarten. Aufgrund des andauernden Krieges zwischen Russland und der Ukraine einschliesslich gezielter russischer Provokationen gegenüber NATO-Staaten bleibt die geopolitische Lage angespannt, zumal im Hintergrund weitere latente Risiken lauern (u.a. China/Taiwan). Die Geoökonomie dominiert das globale Geschehen weiterhin.
Volkswirtschaft
Ölpreis lässt Konjunkturhoffnung aufkeimen
Insgesamt hat sich die Weltkonjunktur seit Ausbruch des Krieges überraschend widerstandsfähig gezeigt, wobei die konjunkturellen Folgen des Energiepreisschocks sehr ungleich verteilt sind. So steht die Konjunktur in der Eurozone unter höherem Druck als die US-Konjunktur. Rechtzeitig vor dem Ende des ersten Halbjahres haben sich die USA und der Iran auf ein Friedensabkommen geeinigt, sodass der Ölpreis drastisch gesunken ist und Konjunkturhoffnungen aufkeimen. Wenn der Ölpreis weiter deutlich unter 90 US-Dollar bleibt, werden die Inflationsraten im Vormonatsvergleich schnell sinken und würden es der EZB ermöglichen, auf eine weitere Zinserhöhung zu verzichten, weil sie sonst die ohnehin schon schwache Konjunktur noch weiter belasten würde. Auch für andere Zentralbanken würde der Druck sinken, die Geldpolitik zu straffen.
Aktien
KI-Euphorie beflügelt die Märkte im zweiten Quartal
Die globalen Aktienmärkte entwickelten sich im zweiten Quartal insgesamt erfreulich, getragen von der anhaltenden KI-Euphorie und starken Unternehmensgewinnen. Während US-Aktien und ausgewählte asiatische Technologiewerte deutlich zulegten, blieb Europa aufgrund der hohen Energiepreise zurück. Für die zweite Jahreshälfte rechnen wir mit anhaltender Volatilität, bedingt durch die geopolitische Lage, die US-Zwischenwahlen und eine vorsichtigere Fed-Politik. Präferiert bleiben US-Aktien, Brasilien zur Diversifikation innerhalb der Schwellenländer sowie eine breitere Positionierung innerhalb der USA. Der gleichgewichtete S&P 500 sowie Small- und Mid-Cap-Unternehmen eignen sich daher als sinnvolle Ergänzungen für das Portfolio.
Anleihen
Inflation kehrt zurück, geopolitische Spannungen treiben die Märkte
Der erwartete Anstieg der Inflation ist eingetreten und hat die Haltung der grossen Zentralbanken massgeblich geprägt, deren Grundtenor insgesamt restriktiver geworden ist, mit besonderen Auswirkungen auf das kurze Ende der Zinskurve. Im Verlauf des Quartals flachte sich die Renditekurve der US-Staatsanleihen ab, getragen von steigenden Renditen bei kurzen und mittelfristigen Laufzeiten. In Europa gaben die Renditen entlang der Kurve leicht nach, mit Ausnahme des sehr kurzen Endes. Trotz dieses geldpolitischen Umfelds und der geopolitischen Spannungen erwiesen sich Unternehmens- und Schwellenländeranleihen über längere Zeiträume als bemerkenswert widerstandsfähig und blieben trotz niedriger Kreditrisikoprämien gefragt. Bei unserer Positionierung bevorzugen wir aktuell qualitativ hochwertige Anleihen mit kurzen bis mittleren Laufzeiten, um attraktive Endfälligkeitsrenditen zu vereinnahmen.
Alternative Investments
Gold: Ein herausforderndes erstes Halbjahr, doch die strukturellen Treiber bleiben bestehen
Trotz der deutlichen Korrektur im ersten Halbjahr 2026 erachten wir Gold weiterhin als eine überzeugende Portfolioallokation. Steigende Anleiherenditen, ein stärkerer US-Dollar und eine nachlassende Nachfrage nach sicheren Häfen belasteten den Goldpreis in den ersten 6 Monaten. Die strukturellen Treiber bleiben aus unserer Sicht jedoch intakt. Zentralbanken bauen ihre Goldreserven weiter aus, geopolitische und fiskalische Risiken bestehen fort, und die weltweit steigende Staatsverschuldung stärkt Golds Rolle als langfristiger Wertspeicher. Vor diesem Hintergrund sind wir überzeugt, dass Gold ein wichtiger Bestandteil eines gut diversifizierten Portfolios bleibt.
KI treibt die Emission von Wandelanleihen. Selektivität ist wichtiger denn je.
Mehr als 140 Jahre nachdem Wandelanleihen den Ausbau des amerikanischen Eisenbahnnetzes mitfinanzierten, finanzieren sie heute erneut eine Infrastruktur von historischer Bedeutung. Im Mittelpunkt stehen Investitionen in künstliche Intelligenz, Rechenzentren, Cloud-Infrastrukturen und Halbleiter. Die Emissionstätigkeit hat deutlich zugenommen, doch die Geschichte zeigt, dass Phasen technologischer Innovation auch Übertreibungen mit sich bringen können. Wir bleiben Wandelanleihen gegenüber konstruktiv eingestellt. Angesichts anspruchsvollerer Bewertungen und einer höheren Aktiensensitivität halten wir jedoch an einer ausgewogenen Positionierung fest und legen besonderes Augenmerk auf Risiken und eine sorgfältige Selektion.
Währungen
Dollarstärke dürfte sich als nicht nachhaltig erweisen
Kurzfristig besteht das Risiko, dass die Geldpolitik das Marktgeschehen weiter dominiert und den US-Dollar stützt. Aus unserer Sicht sind die Erwartungen an eine restriktive US-Geldpolitik mittlerweile jedoch in den Wechselkursen eingepreist und die jüngste deutliche Aufwertung des US-Dollars erscheint überzogen. Längerfristig dürfte dann Donald Trumps unberechenbare Politik, sowie die Sorgen über die steigende US-Staatsverschuldung wieder stärker in den Vordergrund rücken. Themen, die zu einem weiteren Vertrauensverlust in den US-Dollar führen dürften. Vor diesem Hintergrund halten wir an unserer Prognose fest, dass der US-Dollar zur Schwäche neigt.