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Zwischen Zuversicht und Konsequenzen

März 2026

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Es gibt Momente, in denen sich die verschiedenen Sphären der Kunstwelt, Institutionen, Markt, Kuratoren und Politik, mit ungewöhnlicher Klarheit überlagern. Der März 2026 ist ein solcher Moment. Messen, Biennalen und Auktionen folgen in rascher Abfolge, und gerade in dieser Gleichzeitigkeit zeigt sich der Kunstbetrieb einmal mehr in seinem vertrauten Zustand: in Bewegung.

Den Auftakt machte, gewissermaßen eine Woche vor dem eigentlichen Monatsbeginn, die siebte Ausgabe der Frieze Los Angeles am Santa Monica Airport. Schon in den ersten Stunden zeichnete sich ab, dass die Verkäufe zügig anliefen. Ein Händler brachte es knapp auf den Punkt: Die Stimmung sei innerhalb der ersten Stunde entschieden gewesen. Im Focus-Sektor, kuratiert von Essence Harden, war die Solo-Präsentation von Zenobia Lee bei der Galerie Sea View bereits während der VIP-Preview ausverkauft. Eine Skulptur ging an das California African American Museum, eine weitere über die Kooperation der Museen Hammer, LACMA und MOCA in eine institutionelle Sammlung. Auch jenseits der Stände war der Optimismus spürbar. Ari Emanuel, Geschäftsführer der Mari Group, die Frieze im vergangenen Jahr übernommen hat, kaufte zur Eröffnung am Stand von Fort Gansevoort drei figurative Quilts der 87-jährigen Künstlerin Yvonne Wells, ein weiteres Indiz für die neue Aufmerksamkeit gegenüber Materialität und Stofflichkeit, über die wir bereits im letzten Newsletter gesprochen haben.

Nur wenige Tage später eröffnete in New York die 82. Whitney Biennale, kuratiert von Marcela Guerrero und Drew Sawyer. Als älteste Überblicksausstellung zeitgenössischer amerikanischer Kunst präsentiert sie sich in diesem Jahr ohne klar umrissenes Thema. Stattdessen spricht das Museum von einer Konstellation von Gefühlslagen, Angst, Zärtlichkeit, Heiterkeit, Unruhe. Die Ausstellung wolle, so die Kuratoren, weniger argumentieren als wahrnehmbar machen. Doch gerade darin liegt auch ein Problem. Die Entscheidung, Atmosphäre über Haltung zu stellen, wirkt in der gegenwärtigen politischen Situation bemerkenswert vorsichtig. In den vergangenen Jahren hat sich die Whitney zunehmend auch als Seismograf für die Bedingungen erwiesen, unter denen Kunst in den Vereinigten Staaten entsteht. Diese Bedingungen haben sich spürbar verschoben. Fördermittel stehen unter Druck, kulturelle Institutionen geraten politisch unter Beobachtung, und selbst traditionsreiche Häuser operieren unter verschärften Vorzeichen. Vor diesem Hintergrund erscheint die diesjährige Biennale auffallend zurückhaltend. Die 56 beteiligten Künstlerinnen und Künstler spiegeln den Moment weniger als politische Diagnose denn als diffuse Gefühlslage. Das Ergebnis ist eine Ausstellung, die den Zeitgeist eher andeutet als ihn zu fassen.

Einzelne Arbeiten setzen dennoch prägnante Akzente. Raven Halfmoons monumentale Keramikfiguren behaupten Raum für Frauen der Caddo Nation. Kelly Akashi rekonstruiert den Schornstein ihres Hauses aus gegossenen Glasziegeln und übersetzt eine private Katastrophe in eine eindringliche Materialstudie. Der in Berlin lebende Künstler Aziz Hazara darf aufgrund seiner afghanischen Staatsbürgerschaft nicht in die Vereinigten Staaten einreisen. Seine Fotografien entstehen mit Nachtsichtgeräten, die US und NATO Truppen in Afghanistan zurückgelassen haben, und werden in einem Museum gezeigt, das er selbst nicht betreten kann. Dass die Kuratoren darauf verzichten, diese Arbeiten stärker politisch zu gewichten, mag als Offenheit erscheinen. Tatsächlich wirkt diese Zurückhaltung wie kuratorische Vorsicht. In einer Zeit, in der politische Konflikte unmittelbar in Institutionen hineinreichen, lässt sich das Ausweichen vor klarer Positionierung kaum anders als strategisch lesen.

Während in New York noch über Stimmungen diskutiert wurde, sprach der Markt in London eine eindeutigere Sprache. Die Frühjahrssales boten eine Klarheit, die im institutionellen Betrieb selten geworden ist. Sotheby’s eröffnete am 4. März mit dem, was Oliver Barker als erste White Glove Auktion mit verschiedenen Einlieferern in seinen 22 Jahren bezeichnete. Alle 54 Lose wurden verkauft, ein Gesamtvolumen von 131 Millionen Pfund. Bei Christie’s folgten 197 Millionen Pfund, ein Plus von 52 Prozent. Auch in Maastricht bei der TEFAF zeigte sich, dass museale Qualität weiterhin auf stabile Nachfrage trifft. Die Botschaft ist klar: Blue Chip Werke mit gesicherter Provenienz finden ihre Käufer. Jenseits dieses Segments bleibt der Markt beweglicher, mit flexibleren Bewertungen und wachsendem Verhandlungsspielraum. Der UBS Art Market Report von Clare McAndrew bestätigt dieses Bild. Der globale Kunstmarkt wuchs um vier Prozent auf 59,6 Milliarden Dollar und beendete damit zwei Jahre des Rückgangs. Die Erholung kommt vor allem von oben, Auktionen +9 Prozent, Galerien +2 Prozent, private Verkäufe -5 Prozent. So zeigt sich derselbe Moment aus zwei Perspektiven. Während Institutionen den Zustand als Atmosphäre beschreiben, sucht der Markt seine Sicherheit dort, wo Wert bereits verstanden ist.

Am 25. März öffnet die Art Basel Hong Kong ihre Türen. Neu ist der Sektor Echoes, ein Gegenpol zum Fokus auf etablierte Namen. Auch Encounters wird erstmals von einem asiatischen Kuratorenkollektiv verantwortet, angeführt von Mami Kataoka gemeinsam mit Isabella Tam, Alia Swastika und Hirokazu Tokuyama. Die Perspektive ist bewusst regional und spiegelt die wachsende Bedeutung von Japan, Südkorea, Taiwan und zunehmend Indien. Parallel dazu entsteht mit Pavilion ein alternatives Format ohne klassische Messestände, untergebracht im Gebäude H Queen’s.

Auch andernorts sorgt kuratorische Präsenz für Gesprächsstoff. Sam Bardaouil und Till Fellrath, das Direktorenduo des Hamburger Bahnhofs und Kuratoren der Taipei Biennial, haben anlässlich des 30. Geburtstags des Museums eine Gala etabliert, die Fundraising, Preisverleihung und gesellschaftliches Ereignis verbindet. Ausgezeichnet wurden die Sammlerin Kiran Nadar sowie die Delfina Foundation, ergänzt durch einen Förderpreis für drei jüngere Künstlerinnen und Künstler. Den Lifetime Achievement Award der Veranstaltung erhielt Mona Hatoum — eine Würdigung, die in der gegenwärtigen politischen Stimmung kaum zufällig wirkt. Künstler, Galeristen und Sammler trafen dort in einer Konstellation aufeinander, die man im deutschen Museumskontext bislang eher aus New York kannte, ein deutliches Signal für neue Formen der Finanzierung und Vernetzung. Einen Tag zuvor eröffnete die Biennale of Sydney unter der Leitung von Hoor Al Qasimi, die die kulturelle Infrastruktur des Golfs mit dem pazifischen Raum verbindet.

Und damit sind wir bei einer Frage, die über all diesen Ereignissen liegt. Im Januar hatten wir Katars kulturelle Ambitionen als Strategie beschrieben, weg von punktueller Sichtbarkeit, hin zu einem langfristigen Ökosystem. Nur fünf Wochen nachdem die Szene in Doha war, befand sich die Region im Krieg. Art Dubai wurde vom April auf den 14.–17. Mai verschoben und findet in einem angepassten Format statt; Frieze Abu Dhabi ist weiterhin für November geplant. Doch die Frage, ob dieses über Jahre aufgebaute kulturelle Projekt einen anhaltenden Konflikt übersteht, stellt sich mit neuer Dringlichkeit. Die Infrastruktur entstand schnell, die Bedingungen haben sich grundlegend verändert. Gleichzeitig konsolidiert sich der Markt dort, wo Kapital und gesicherte Werte aufeinandertreffen. Hochpreisige Verkäufe bleiben stabil, digitale Plattformen expandieren. Umso auffälliger die Verschiebung auf der anderen Seite: Während sich ökonomische Gewissheiten verdichten, bleibt die künstlerische Praxis tastend, bisweilen entrückt — ein Schwebezustand zwischen Reaktion und Rückzug. Das Vertrauen des Marktes sammelt sich um das bereits Verstandene, während die Kunst sich dem Zugriff entzieht. Ob die positionierende Geste sich in Venedig zeigen wird, ist offen. Wahrscheinlich nicht. Wir werden berichten.

Marie-Kathrin Krimphoff & Carolyn Stocker-Seiler